01 Die DIGGERS

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Die Diggers

Die Vorgeschichte

Madison, Wisconsin 1959 / 60:

In der antikommunistischen Athmosphäre der nach McCarthy Ära begegnete der Theater Aktivist R.G. Davis den sozialistischen Politaktivist_innen Saul Landau und Nina Serrano. Gemeinsam organisierten sie 1959/60 anti-militaristische Bälle an der Universität von Wisconsin und gründeten 1959 die Mime Troup.

Die San Francisco Mime Troup:

Bild 1: SF Mime Troupe Banner
Nach ihrem Umzug gründeteten sie die San Francisco Mime Troup. Im May 1962 waren sie die wohl erste Gruppe, die sich öffentliche Parks als Veranstaltungsort für gegengesellschaftliche Unterhaltung aneigneten. In diesem Prozess radikalisierte sich die San Francisco Mime Troup. Die Darstellungen waren politisches Maskenspiel (comedia dell'Arte). Themen waren Anti-Militarismus und Civil Rights Movement.

Guerilla Theater:

Bild 2: SF Mime Troupe, Reader Titel
Im May 1965 trug Davis der San Francisco Mime Troup ein künstlerisches Konzept vor, dem Peter Berg, einer der Mitglieder, den Namen Guerilla Theater gab.
Davis bezog sich darin auf CheGuevara, dass der Guerilla Kämpfer die volle Unterstützung der Menschen braucht und das ungerechte System zerstören will. Mit Che gelte es den Kampfplatz selbst zu wählen und sich nicht falsche Kämpfe aufzwingen zu lassen. Das Theater bezeichnet er darin als Instrument, um sozialen und politischen Umsturz zu erreichen, damit Verbrechen wie die Schweinebucht-Invasion oder der Vietnamkrieg unmöglich werden. Er forderte die Mitglieder der San Francisco Mime Troup sich gegen das System zu stellen, die Richtung zum Umsturz aufzuzeigen, selbst ein Beispiel zu geben und mit anderen gegengesellschaftlichen Kräften zusammenzuarbeiten.

Die öffentliche Aufführung im Laffayette Park wurde von den Autoritäten verboten. Davis stürzte sich mit den Worten "Meine Damen und Herren, die San Francisco Mime Troup präsentiert heute Nachmittag zu eurer Belustigung .... EINE VERHAFTUNG!" in die aufmarschierenden Polizisten.

Bild 3: Anti Vietnam Kriegs Demo, SF 1967
Die enge Zusammenarbeit von Neuer politischer Bewegung und Avant-Garde Performance formte die Gegenkultur. Die Mischung aus Politaktivist_innen und Künstler_innen in der San Francisco Mime Troup verhinderte dort die Aufspaltung in kulturelle und politische Szene. Institutioneller Rassismus, Gettoisierung und Polizeigewalt wurden zu Theaterthemen. Ein satirtische Aufführung thematisierte die Ironie dass "schwarze" Soldaten "gelbe" Leute auf Befehl "weißer" Imperialisten im Vietnamkrieg umbringen.

Bild 4: SF Mime Troupe, Buchtitel R.G.Davis
1967 / 68 aktualisierte Davis zweimal das Konzept des Guerilla Theater. Das dominante System des Privateigentums wurde als Ursache der kranken Gesellschaft benannt. Gleichzeitig sollten die Radikalen an drei Fronten agieren:
ideologisch (um die Bourgoise Mentalität zu untergraben)
ökonomisch (um Ausbeutung und Konsumismus zu beenden und eine nicht am Profit orientierte Alternative zu entwickeln)
collective Action (um Individulismus und Elitärität zu zerstören)

Die Diggers, San Francisco:

Bild 5: Diggers Logo
Gut 20 Mitglieder der San Francisco Mime Troup schlossen sich im Herbst 1966 zu einem neuen unabhängigen anarchistischem Kollektiv zusammen. Mit den Hippies verband sie die Annahme, dass eine_r sich zunächst selbst ändern müsse, um die Welt zu ändern.
Bild 6: Diggers GB, Erklärung 1649 von William Everard
Sie nannten sich nach den Diggers, einer auch als Levellers bekannten englischen Gruppe des 17. Jahrhunderts. Diese hatten Eigentum und Besitz abgelehnt, Nahrung und Eigentum untereinander und mit noch ärmeren geteilt. In gemeinsamer militärischer Aktion wurden sie durch Cromwells Armee und adelige Lords und Ritter niedergemacht.

Bild 7: Free Street
Das Projekt free der Ashton-Haights (einem Stadtteil von San Francisco) Diggers begann Anfang Oktober 1966. Everything Free meinte einerseits umsonst, andererseits frei von gesellschaftlichen Konventionen.
Bild 8: Free City
Die Diggers erweiterten ihre ersten praktischen Ansätze zum Free City Network. Darin verbunden waren auf dem Höhepunkt 1967 / 68 die einzigartigen Stadtteile Haight-Ashbury, the Mission, Fillmore, Chinatown, Castro, Potrero Hill, Noe Valley.
Sie prägten in ihren Publikationen Phrasen wie "Do your own thing" und "Today is the first day of the rest of your life".

Free Food:

Bild 9: Free Food at the Panhandle, Golden Gate Park
Täglich 4 Uhr Nachmittags begannen die Diggers Anfang Oktober 1966 kostenloses Essen im Golden Gate Park aufzutischen. Dazu hatten alle einen 13 Fuß hohen, gelb gestrichenen Bilderrahmen zu durchschreiten, um in der anderen, nicht-kapitalistischen Welt anzukommen. Der Rahmen repräsentierte die Möglichkeiten, die eine_r offenstanden, wenn eine_r die bourgeoise Wahrnehmung der Realität ablegte. Die Leute, die zum Essen kamen erhielten auch ein kleine Ausgabe des Rahmens, der um den Hals gehängt wurde, den "Portable Free Frame of Reference".
Bild 10: Diggers at the Panhandle, Golden Gate Park
Oft kamen mehr als 200 Menschen. Die Lebensmittel dafür wurden oft "befreit", also von unkooperativen Händlern enteignet und an die neue Gesellschaft übergeben.
Bild 11: Angebot von Freien Lebensmitteln, SF 1967
Ab Sommer 1967 verlagerten sie das Free Food von den öffentlichen Essen in den Parks hin zum Aufbau von Lebensmitteln-FreeStores in ihren städtischen Communities.

Free Shops:

Bild 12: Diggers FreeStore in Frederick Street
Noch im Oktober 1966 wurde der erste Free Shop gegründet und nach dem 13 Fuß hohen, gelb gestrichenen Bilderrahmen "Free Frame of Reference" benannt. Der Free Shop wurde als Parodie auf den Kapitalismus verstanden in dem er die Dinge aus dem Füllhorn des kapitalistischen Überflusses erneut verteilte.
Sie bemühten sich die Positionen Besitzer_in, Verkäufer_in, Konsument_in zu dekonstruieren. Fragte eine_r nach einem Verantwortlichen gab es die Antwort "Sie sind verantwortlich!" Die Dinge im FreeStore waren für sie weder Besitz noch Ware, eher Bühnenrequisiten.
Bild 13: Diggers FreeStore nach der Öffnungszeit
Als an einem Tag zwei Reporter in den Free Shop kamen und nach dem Chef fragten, wurde ihnen gesagt, der Chef sei da, würde sich aber weder als Chef noch als Digger bekennen und ließen die Journalisten (Time und Life Magazin) sich gegenseitig interviewen.

Free Housing:

Bild 14: Diggers Scott Street Commune, 1967
Sie eigneten sich leerstehende Abbruchhäuser und abgelegen Farmen an und organisierten dort freies Wohnen im Kollektiv.

Free Bakery:

Die Diggers buken in der Freien Bäckerei Vollkornbrot für alle und umsonst. Vollkornbrot wurde durch diese Aktionen ziemlich populär.
Grundlage dafür war, dass sich ein ziemlich abgedrehter Bäckermeister, der wenig Interesse an Geld, dem aber alles am Backen lag, den Diggers anschloss.

Free Legal Services:

Kostenfreie Rechtsberatung

Free Medical Clinic:

Im Juni 1967 öffnete die Free Medical Clinic, 588 Clayton Street, Haight / Ashbury. Hier wurde kostenfreie Gesundheitsversorgung durch von Diggers eingeladene Freiwillige von Universität von Californien angeboten.

Free Transports:

Bild 15: Teil der Diggers Transportflotte
Die Diggers hatten eine kleine Flotte von u.a. Kleinbussen und Transportern mit denen sie kostenlos Transporte organisierten.

Freie Druckerei:

Bild 16: Ankündigung des Free Print Shops
Im April 1968 machtre ein eigener Free Print Shop auf. Die Maschinen wurden kostenlos aus New York geholt.

Free Film Screenings:
Umsonst Filmvorführungen

Free Dance Concerts:

Bild 17: Free Concert, Kreuzung Haights / Ashbury
Die Konzerte fanden immer Umsonst&Draußen statt, die Orte waren teils ungewöhnlich angeeignet.
Bild 18: The Grateful Dead
Grateful Dead,
Bild 19: Jannis Joplin
Jennis Joplin,
Bild 20: Jefferson Airplane
Jefferson Airplane, Country Joe and the Fish und andere lokale Acts spielten auf von den Diggers organsierten Umsonst&Draußen Konzerten.

The Digger Papers:

Bild 21: Digger Paper (Titelcover)
Die Diggers druckten ihre eigenen Broschüren in oft hohen Auflagen und verteilten sie for free. Typisch für ihren darin formulierten gegengesellschaftlichen Ansatz ist die Mischung aus politischen, spirituellen und Drogenthemen.

Guerilla Theater:

Bild 22: The Death of money and the rebirth of Haights
Das Konzept des Guerilla Theater führten die Diggers aus den Parks auf die Straßen San Franciscos. Anders als bei der San Francisco Mime Troup war jedes Theaterstück einzigartig. Davis von der Mime Troup kritisierte sie als zu unprofessionell - aber es waren sehr erfolgreiche frühe reclaim the streets Aktionen. Die Theateraktionen sollten nicht die Realität auf der Bühne darstellen sondern die Gestaltbarkeit der realen Welt jenseits der Bühne aufzeigen, Menschen zu Akteuren des Lebens machen.

Bild 23: Straßentheater 1
Bild 24: Straßentheater 2
Ein Beispiel:
Während des Feierabendverkehrs am Halloween-Abend sammelten sich die Diggers an der Kreuzung Haight / Ashbury street. Sie stellten ihren 13 Fuß hohen, gelb gestrichenen "Frame of Reference" auf und führten mit zwei 8 Fuß großen Riesenpuppen die Satire "Any Fool on the street" auf. Das Durchschreiten des Rahmens, in das das Publikum einbezogen wurde, sysmbolisierte In- / outside. Innerhalb einer Stunde hatten sich über 600 Fußgänger auf der großen Kreuzung eingefunden, die Darstellung zu verfolgen und blockierten so die Kreuzung. Die Polizei rückte an und forderte die Puppen auf vom öffentlichen Grund zu verschwinden und den öffentlichen Verkehr nicht zu stören. Die Puppen fragten Wer ist die Öffentlichkeit? Die Polizei: Wir warnen sie, sie werden verhaftet. Die Puppen erklärten sich für öffentlich und die Straßen für frei – und wurden verhaftet. Die Menge rief: Frame up! Frame up! (Rahmen hoch / mit Absicht fälschlich beschuldigen) und die Eingefahrenen antworteten lautstark pub-lic(k), pub-lic(k) (Öffentlich / Kneipe-lecken). Dann stellten die Diggers Musik an und die Leute begannen trotz der Befehle der Polizei auf der Kreuzung zu tanzen. Es war eine Demonstration der Stärke und des selbstbestimmenten Austausches der Authoritäten.

Polizei und Staatsgewalt

Die Polizei überwachte die Aktionen der Diggers regelmäßig, sei es bei Theateraktionen, sei es bei der täglichen Essensverteilung im Panhandle. Immmer wieder kam es zu Festnahmen. FreeShops wurden wegen fehlender Betriebsgenehmigungen geschlossen und dann von den Diggers an anderer Stelle neu eröffnet.

Trip without a ticket - Ein Manifest der Diggers:

Bild 25: Trip without a ticket (Seite 3)
Das Manifest beginnt mit einer Kritik der Medienöffentlichkeit, die eine_n langsam ins entfremdete Nichts führe.
Keine_r kann den Moment des Bruchs mit der bürgerlichen Normalität kontrollieren, der bedingt ist durch das Spiel mit der kritischen Realität. Wenn die Scheibe zerbrochen, die abstumpfende Distanz der Medien durchbrochen ist, werden Patient_innen möglicher­weise nie mehr reagieren, wie Normale. Sie werden ihr Leben selbstbestimment leben, Akteure des Lebens werden.
Guerrilla Theater will das Publikum auf ein befreites Territorium führen und aus ihnen Akteure des Lebens machen. Straßen Events sind Rituale der Befreiung. Sie Beanspruchen ihr Territorium (Sonnenuntergang, Verkehr, Öffentliche Freude) durch ihre Art. Besitz in einem öffentlichen, neuen Verständnis.
Ein Laden für Dinge, eine Klinik oder ein Restaurant, das Frei ist, wird ein sozialer, künstlerischer Ort, ohne Geld und ohne Kontrolle. Die Diggers gehen davon aus, dass Umsonstökonomie die menschliche Natur befreit. Zuerst werden der Raum, die Dinge und die Dienstleistungen befreit. Die ökonomische Theorie soll den sozialen Fakten folgen. Eines Tages wird die Umsonstökonomie die menschlichen Wünsche und Schenken, das Geben und Nehmen in eine weite, offene Improvisation verwandeln.
Industrialisierung war seit dem 19. Jahrhundert ein Krieg mit der Ökologie, um das Frühstück auf Kosten von Smog und Wahnsinn zu gewinnen. Kriege gegen die Ökologie sind selbstmörderisch! Aber Werkzeuge, wie sie alle Fabriken sind, bleiben unschuldig und die Ethik der Gier ist nicht notwendig. Die Nord-Amerikaner_innen könnten ihr selbstgefälliges Ausdehnen ihrer Art zu sein aufgeben.
Besitz, Kredit, Kapital und Zinsen, Versicherungen, Raten und Profit sind unkluge Konzepte. Millionen haben nichts, die Wohnzimmer der Mittelklasse gleichen Begräbnisorten, in denen sich nur Unternehmen aufhalten wollen. Wir müssen die bekämpfen, die uns in dumpfer Arbeit, wahnsinnigen Kriegen und stumpfsinniger Geld-Moral umbringen wollen.
Schmeisst eure Jobs, wennn sie von Computern oder Maschinen gemacht werden können! Jede wichtige menschliche Aufgabe kann for free getan werden.

Finanzielle Basis der Diggers Umsonstökonomie:

Gute Bedingungen ergaben sich aus dem hohen Überfluss des Kapitalismus seit Mitte der 60er Jahre, den zu der Zeit geringen Kosten für Ernährung und Wohnen und den gerin­gen Heiz- und Kühlungskosten im recht milden Klima der San Francisco Bucht.
Die Diggers forderten von den Händlern im Stadtteil eine Steuer in Höhe von 1%, Händler, die keine Steuer zahlten mussten mit Lebensmittelmitnahme rechnen.
Bild 26: The Grateful Dead
Die Bands, insbesondere Greatful Dead, waren die einzigen größeren finanziellen Unter­stützer der Diggers. Weitere Geldgeber waren einige Dealer, die einen Teil ihrer Gewinne insbesondere aus dem Haschischverkauf an Hippie-Touristen an die Diggers gaben. Auch wurden Gelder aus recht üppigen Fördertöpfen abgezweigt.

Die Diggers, New York:

Mitte 1967 entstand ein de facto Ostküsten Ableger der Diggers. Sie übernahmen vieles aus Haight Ashbury. Es gab Free Food im Tompkins Square Park, einen Free Shop und das Guerilla Theater. Es gab in New York Streit um den Namen, da die New Yorker einen offensiven Umgang mit den bürgerlichen Medien versuchten, was in San Francisco radikal abgelehnt wurde.
Bild 27: Banner der Yippies
Die New Yorker nannten sich in Yippies um. Die Yippies waren eine 1967 gegründete anti-authoritäre Politische Partei, die viel mit dem Prinzip des Guerilla Theaters arbeitete.

Bild 28: Geldverbrennung
Schon als Diggers erweiterten sie mit ihrer ersten Theateraktion das Handlungsrepertoire und die Örtlichkeiten von Guerilla Theater.
Als ESSO Delegation (East Side Service Organisation) arrangierten sie einen Besuch in der New York Stock Exchange. Sie hatten reichlich Dollar Noten produziert und schmissen diese, als sie auf die Gallerie oberhalb der Börse geführt wurden, herab. Sofort stoppte der Handel und die Börsenmakler versuchten soviel Blüten wie nur möglich zu ergattern. Als sie erkannten wie sie bloßgestellt worden waren, begannen die Börsenmakler die Diggers zu beschimpfen. Im Anschluß daran zündeten die Diggers vor der Börse Geldscheine an.
Bereits bei dieser Aktion versuchten sie die Medienöffentlichkeit für ihre Ziele einzusetzen, anders als die Ostküsten Diggers die die bürgerlichen Medien ablehnten.

In der zweiten Septemberwoche 1967 führten sie am Edison Gebäude das Stück "The Black Flower Day" auf. Zu beginn brachten sie einen großen Kranz aus schwarz gefärbten Narzissen am Sims oberhalb des Haupteingangs an. Dann händigten sie ähnliche, kleinere Kränze an Passant_innen aus und befestigten ein großes Transparent "Atmen ist gefährlich für ihre Gesundheit" an der Fassade des Bürohochhauses. Eine große Menge Ruß, den sie von den Fußwegen gesammelt hatten, bliesen sie in die Lobby. Sie tanzten dazu auf dem Fußweg vor dem Edison Gebäude und warfen Ruß in die Höhe. Als die Polizei erschien zündeten sie schnell einige Rauchbomben und verschwanden.
Auch von dieser Aktion frühen Öko-Aktion ließen sie Reporter berichten.

Bild 29: Yippies gegen den Parteitag, Chicago
Zum Parteitag der Demokraten in Chicago im späten August 1968 mobilisierten die Yippies zu einer großen Anti-Kriegs-Gegenveranstaltung. Alle jungen Leute sollten zu einem Camp der lebendigen Gegenkultur direkt vor dem Parteitagsgebäude zusammenkommen. Es sollte die größte Aktion aller Zeiten und von den Medien in alle Welt verbreitet werden. Die Gegenseite bot 11.500 Polizisten, 5.600 Mann der Nationalgarte, 1000 Agenten und eine Reserve von 7.500 US Army Soldaten auf. Als die Polizei ihren blutigen Angriff startete schrien sie hilflos in die Nachrichtenkameras "Die ganze Welt schaut zu!", aber die Revolution wird nicht via TV übertragen!

Die Diggers von 1968 bis heute:

Laut Wikipedia zerfielen die Diggers. Der Zerfall der Diggers resultiert nach dieser Quelle auf heftigem Drogenmissbrauch (Heroin). [1]

Bild 30: Black Bear Ranch 1968 - Ranch
Bild 31: Black Bear Ranch 1968 - Kinder
Eine andere Version, ebenfalls auf Wikipedia zu finden, widerspricht dem. Die Diggers zerfielen demnach nicht. Ihr Fest zur Sommersonnenwende 1968 war ein bewußter Abschluss. Sie überließen die Versorgung mit Freien Mahlzeiten kirchlichen Strukturen, zogen sich aufs Land zurück, wo sie in der größeren Free Family aufgingen.
Bild 32: Black Bear Ranch, Filmcover Es entstanden verschiedene Landprojekte, so in Forest Knolls, Olema, Covelo, Salmon River, Trinidad und Black Bear (Film auf DVD: www.communethemovie.com) California.
Bild 33: Kaliflower, Titelcover 1969
Zwischen April 1969 und Juli 1973 erschien die gemeinsame Zeitschrift "Kaliflower". Die Free Family existiert nach wie vor als informeller Zirkel, in dem auch viele ihrer Kinder und Enkel aktiv sind. Viele von ihnen sind nach wie vor an progessiven politischen Auseinandersetzungen beteiligt. In einem Radio-Beitrag hörte ich kürzlich zufällig von einer US-Kleinstadt, in der heute noch viele Hippies leben und u.a. kostenlosen öffentlichen Verkehr organisieren.
Einige der alten Aktivist_innen betreiben heute die Website www.diggers.org

Ein Bericht auf der Seite beschreibt den Aufabu einer FreeMeal Gruppe 1983 am historischen Ort, der Panhandle.
Bild 34: Papayas, angebaut für jede_n, 2003
Auch im 21. Jahrhundert werden Aktionen durchgeführt, eine Papaya Pflanzung zum freien Gebrauch (www.nomoola.com/pages/diggers)

Bild 35: Jerry Garcia 1994
Mit den Dead Heads, den mitreisenden Fans der Kultband Grateful Dead, lebten bis zum Tod des Sängers Jerry Garcia viele Menschen in einer besonderen Gegenkultur. Ein Teil der Dead Heads richtete ihr komplettes Leben nach dem Tourzyklus der Band aus. Die Dead Heads lebten z.B. von der Produktion und dem Verkauf von unzähligen Bootleg-Alben, vom Verkauf von selbstangefertigtem Kunsthandwerk, Fanartikeln und „sanften“ Drogen.

Bild 36: Seit 7 Jahren reisende Freie Küche, 1997
Auf dem Festival 30 Jahre Sommer der Liebe 1997 waren Aktivist_innen die seit 1990 in einem Lieferwagen ein mobiles FreeMeal Team bildeten. Grundlage ihrer Lebensmittelversorgung ist das Containern.

Reste der Yippie Struktur bestehen bis heute insbesondere in New York. Ihr wichtigstes Thema ist die Legalisierung des Kiffens.

Bild 37: SF Mime Troupe, Buchtitel 1998
Die San Francisco Mime Troupe existiert bis beute als Kollektiv, tritt nach wie vor in Parks auf, unternimmt aber auch (inter)nationale Touren.
Bild 38: Making A Killing – TourPlakat 2007
Thema der Show 2007 ist der Irak-Krieg und die Folgen der DU-Munition.

Bild 39: Webeplakat: Ashbury-Haight FlowerPower Stadtführung
Aber – nichts ist sicher vor der Kommerzialisierung und so wird 4 mal in der Woche für 20 Dollar eine Haight Ashbury FlowerPower Stadtführung angeboten. [2]

Summary:

Die Aktionen der Diggers erweitern unsere Vorstellung von dem was als Umsonstökonomie möglich ist.

???
Woran gescheitert? Drogen? Gesellschaftliche Veränderungen?

Aber: Die Diggers waren auch nicht eine durchgängig emanzipative Bewegung, Fragen werfen vor allem 2 Aspekte auf:

Bild 40: Hakenkreuz-Symbolik
Wie kann eine_r nach den Verbrechen des Nationalsozialismus mit emanzipativem Anspruch das alte Sonnensymbol nutzen?
Die Verwedung dieser Symbolik steht leider in inhaltlichen Zusammenhang. Floskeln wie "die kranke Welt" oder "Fremde Willkür macht Menschen zu Sklaven von schlechten Leidenschaften" verwendete 70 Jahre vor den Diggers der Vegetarier und Tierrechtler Paul Förster, der damals zu den radikalen Antisemiten und Blut-und-Boden-Ideologen in der Jugend- und Reform-Bewegung gehörte.
Die Kritik des Zinses als zentrales Problem geht auf Silvio Gesell zurück. Gesell beteiligte sich Ende der Weimarer Republik an gemeinsamen Veranstaltungen mit dem Strasser-Flügel der NSDAP. Er gilt trotzdem einigen als anarchistischer Wirtschaftstheoretiker vom Range eines Karl Marx. Eine verkürzte Kapitalismuskritik, wie sie auch die Diggers formulieren, ist tendentiell antisemitisch und immer nach ganz rechts anschlussfähig!

Bild 41: Kaliflower, Titelcover 1971
Virgin Liberation Front, Jungfrauen-Befreiungs-Front, war kein emanzipatives Projekt, sondern Teil einer anti-feministischen Bewegung.

Bild 42: Die Diktatur ...
Ähnlich wie auf dem von Otto Muehl gegründeten Friedrichshof und seinen diversen Ablegern wurden im Namen der sexuellen Befreiung patriarchale Herrschaftsmuster reproduziert.

Text-Quellen: Michael William Doyle: Staging the revolution, New York 2002
Wikipedia.en: The Diggers
http://www.diggers.org/top_entry.htm
http://nostalgia.wikipedia.org/wiki/The_Diggers
zum Friedrichshof: Andreas Schlothauer: Die Diktatur der freien Sexualität
zu Paul Förster: Andreas Speit: Liebe Tiere, böse Juden; in Jungle World 23.10.2008
zu Silvio Gesell:
Kritik u.a.: Jutta Dittfurth: Lebe wild und gefährlich;
positiver Bezug u.a.: Dipl.Ing, A.Narcho: Stell dir vor es gibt Arbeit und keiner geht hin – die postindustrielle Anarchie

Anmerkungen, Kritik, Komentare