03 Die DIGGERS

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Commons, Gemeinheit und Kollektivbesitz

Über die Entwicklung von Eigentum; die Aneignung / Privatisierung von Commons; die Kämpfe dagegen und die kollektive Wiederaneignung sowie um die Bedeutung von Commons für eine herrschaftsfreie Gesellschaft;
- im Rahmen unserer Reihe Umsonstökonomie - Offene Diskussionsrunde (monatl.) zu Umsonstökonomie und Selbstorganisation auf Basis kurzer Texte (diesmal leider 50 % mehr)

Eigentum bedeutet immer, dass der Allgemeinheit die Verfügung und Kontrolle entzogen wird. Commons treten deshalb in dem Maße ins Bewusstsein, wie natürliche, kulturelle, soziale und ökonomische Ressourcen der gemeinschaftlichen Verfügbarkeit entzogen werden.

I Das Neolithikum – Die Einführung des kollektivem Eigentums
Mit Beginn des Neolithikums eigneten sich die ersten Bäuer_innen als Clan Land an. Zum Schutz gegen wilde Tiere umzäunten sie es. Damit, entstand die erste Frühform von kollektivem Eigentum, die gleichzeitig auch die erste Form der Enteignung darstellte. Denn: Der Clan bean­spruchte das bebaute und als Weide genutzte Land gegen die gleichzeitigen Jäger- und Samm­ler_innenkulturen. Diese Clans waren andererseits in aller Regel matriarchal strukturiert, kannten weder Knast noch polizeiähnliche und militärische Strukturen.

II Das frühe Patriarchat – Die Einführung des individuellen Eigentums
Die frühesten Formen des privaten Eigentums, die historisch entstanden, waren das Eigentum an Vieh und an Frauen zu Beginn der patriarchalen Herrschaftsgeschichte. Raub, Entführung und sexuelle Gewalt begründeten damals das erste private Eigentum. Vieh und Sklav_innen waren in diesen Kulturen auch die Kriterien, an denen Reichtum gemessen wurde.
Oft werden ökologische Katastrophen und Wüstenbildung als Begründung für die zunächst nach außen gegen andere Clans und in der Folge auch nach innen aggressive Gesellschaftsstruktur genannt. Die Existenz von privatem Eigentum hat offenbar massive Auswirkungen auf die Wahrnehmung. Kämpfe werden häufig um den Reichtum und die daraus resultierende Macht sowie angesichts von neuen Schüben von Aneignung bis dato kollektiven Besitzes geführt. Offenbar sind diese Schübe von Aneignung typisch für alle patriarchalen Gesellschaften. Das Prinzip des privaten Eigentums wird selten hinterfragt.
Der Tain, die älteste nichtklassische Literatur Europas, belegt diese These eindeutig. Im vorchristlichen, frühpatriarchalen Irland hatte in der Ehe die Macht, wer das meiste Eigentum an Vieh und Sklav_innen einbrachte. Maeve war die Königin von Connacht mit starken göttlich-matriarchalen Eigenschaften. Sie heiratet Ailill und macht ihn damit zum König. Ihr Stier Finn­benach, der Weißgehörnte, ein mythisches Tier von ungeheurer Stärke und uraltes Zeichen matriarchaler Göttlichkeit, sichert ihr die Herrschaft in der Ehe. Als der Stier Finnbenach beschließt in die Herden Ailills zu wechseln, rüstet Maeve ein riesiges Heer um Donn, einen Finnbenach ebenbürtigen Stier aus Ulster zu rauben.

III Das Imperium Romanum und die Durchsetzung von Eigentum an Land
Noch das römische Wort für Geld, Pecunia leitet sich von Pecus, Vieh ab. Am Anfang der römi­schen Geschichte, war also noch Vieh der Wertmesser für Reichtum. Im Laufe der Zeit errichte­ten die Römer aber große Latifundien, die mit Hilfe von Sklav_innen bewirtschaftet wurden. Über den römischen Imperialismus verbreitete sich das System über weite Teile Europas und den Mittelmeerraum.
Im keltischen Irland und bei den Pikten Schottlands gab es noch in frühchristlicher Zeit selbst für Adel und Königshäuser keinen individuellen Landbesitz. Geld war dort durch die Wikinger-Könige von Dublin im 9./10. Jahrhundert eingeführt worden. Durchsetzen konnte sich der Privatbesitz an Boden in Irland weit später als in den meisten Regionen Europas. Entscheidend war dafür die Einführung des feudalistischen Herrschaftsmodells durch die anglo-normannischen Eroberer nach 1071.
In ganz Europa war im Mittelalter kollektiver Besitz von Land noch weit verbreitet. Für diese Reste des Kollektiveigentums wurden damals Begriffe wie Commons, Almende, Gemeinheit be­nutzt. Gemeinsames Bauen der Häuser und gemeinsames Ernten waren Selbstverständlich­keiten. Allein die feudalistischen Herrscher, ob weltlich oder kirchlich, eigneten sich immer mehr von der Arbeit, von den Erträgen der Arbeit und von den Ländereien an und sicherten die Aneig­nungen durch die Einführung des Römischen Rechts.

IV Das Spätmittelalter, Leibeigenschaft und Bauernkriege
Medici und Fugger stehen für den Beginn des Aufstiegs einer neuen, kapitalistischen Ausbeu­tungsform. Die Feudalherren spüren deutlich den Druck und verschärfen ihrerseits die Ausbeu­tung. Immer mehr Bäuer_innen rutschen in die Leibeigenschaft ab. Die Almende als gemein­sames Dorfeigentum war, in den einst von Germanen beherrschten Gebieten, noch im Mittelalter von großer Bedeutung. Die Enteignung durch weltliche Herren eskaliert im 15. Jahrhundert. Heute sind nur mehr im Alpengebiet Reste der Almende erhalten.
In den Bauernkriegen wehrten sich in vielen Regionen die Menschen. Sie hatten teils auch vor­übergehende Erfolge, wurden aber bald militärisch geschlagen und zur Abschreckung nieder­gemetztelt.

V Der Frühkapitalismus – radikale Beschleunigung der Enteignung
Thomas Morus beschrieb in seiner Utopia den Raub des Landes, die Vertreibung der Menschen und die Umwandlung des Landes in Schafweiden als Rohstoffliferanten für die Wollmanufakturen in England. Die Menschen wurden ab dem 16. Jahrhundert mit teils militärischer Gewalt in meh­reren Schüben von ihrem Land und aus ihren Hütten vertrieben und dann wegen Landstreicherei verfolgt, eingeknastet oder zur Zwangsarbeit in die Arbeitshäuser eingewiesen. Marx bezeichne­te diesen Raub als „ursprüngliche Akkumulation“. Damit wurden die „doppelt freien“ Arbeiter_in­nen geschaffen, die frei waren von jeglichem Eigentum und frei waren ihre einzige Ware, die Arbeitskraft, an die Kapitalisten zu verkaufen.
Dagegen leisteten Menschen kollektiv Widerstand. Im England des 17. Jahrhunderts waren es die Diggers, auch Levellers genannt. Diese hatten Eigentum und Besitz abgelehnt, eigneten sich Land an, teilten Nahrung und Eigentum untereinander und mit noch ärmeren und wehrten sich mit Gewalt. In gemeinsamer militärischer Aktion wurden sie durch Cromwells Armee und adelige Lords und Ritter, eigentlich verfeindete Gruppen unter den Herrschenden, niedergemacht.
Die „ursprüngliche Akkumulation“ hat auch eine globale Seite: Das Ausrauben der frühen Kolo­nien, insbesondere durch Spanien. Das Gold der Azteken und Inka wirkte als riesiger Katalysator der kapitalistischen Entwicklung Europas. Der Spanische Hof und Adel kaufte in Europa Luxus­artikel ohne Ende. Insbesondere England und Frankreich profitierten auch direkter, durch könig­lich lizenzierte Piraten, die Freibeuter, die die spanischen Handelsschiffe ausraubten.
In diese Phase fällt auch die Aneignung der Sprache. Nebrijas schuf mit Spanisch um 1500 die erste Muttersprache, die die vielfältigen Gemeinsprachen zerstörte. Jede_r sprach ihren / seinen Sermo, aber auch mehrere ungelehrte Gemeinsprachen. Genauestens erläuterte Nebrijas dem spanischen Königspaar die Vorteile für die Durchsetzung von Herrschaft.

VI Der Imperialismus – die erste Phase der Globalisierung von Enteignung
Die Ausbeutung der Proletarier_innen wurde bis über alle Grenzen ausgeweitet. Es galt die 6 Tage Woche mit 16 oder gar 18 Stunden-Arbeitstagen für Erwachsene, 12 bis 14 Stunden-Arbeitstagen für Kinder bei minimalen Löhnen, fehlender Absicherung und flexiblen Einstellungen je für einen Tag oder eine Woche. Das produzierte einerseits Hass auf die bestehende Ordnung und anarchistische / sozialistische Organisierung, andererseits einen zunehmenden körperlichen Verfall der Arbeiter_innen. Die Beschränkung der Arbeitszeiten im 19. Jahrhundert hatte die doppelte Aufgabe: Einerseits sollte diese die Arbeiter_innen befrieden, andererseits – insbesondere für das Militär und die imperialistischen Machtansprüche – die Arbeits- und Kriegsfähigkeit der Menschen erhalten.
Die schweren Hungerkatastrophen der Jahre 1876/78 sowie um die folgende Jahrhundertwende in den Ländern des Trikont beschreibt Mike Davis in „Die Geburt der dritten Welt“ nicht als Ergebnis von Rückständigkeit, sondern als Ergebnis der Eingliederung in den kapitalistischen Weltmarkt. Zur Finanzierung der Eisenbahnen waren große Ländereien enteignet und hohe Extra-Steuern erhoben worden. In den Hungerjahren wurden dank der Eisenbahn die Nahrungs­mittelexporte deutlich ausgeweitet. Die Kolonialherren verboten oft karitative Hilfen an die Hun­geropfer. Lytton, der Vizekönig von Indien, ließ Arbeitslager einrichten, zwang die Verhungernden sich über teils hunderte Kilometer dorthin zu begeben, verordnete schwere körperliche Arbeit und das bei Lebensmittelrationen unter dem Satz, die 1944 im KZ Buchenwald ausgegeben wurden. Die Arbeitslager wurden zu Todeslagern, in denen die Menschen einfach verhungerten oder, extrem geschwächt, von Seuchen dahin gerafft wurden. Einige Provinzen Indiens verloren fast die Hälfte ihrer Bevölkerung, manche Volksstämme Afrikas wurden fast vollständig ausgelöscht. Der Hunger wurde zur Waffe gegen anti-koloniale Rebellionen und die Entvölkerung brachte die Gelegenheit zur Aneignung großer Landstriche durch die Kolonialherren.
Auch der Dreieckshandel mit Sklav_innen ist nicht Ausdruck von Rückständigkeit. Er ist Aus­druck dessen, was Kapitalismus ohne schützende Regeln für Mensch und äußere Natur produ­ziert. Sklaverei ist ein Versuch der vollständigen Aneignung des Menschen. Nicht allein ständige physische Gewaltausübung kennzeichnet den Alltag der Sklaw_innen, ebenso ein oftmals pater­nalistisches Schutz- und Ausbeutungs-Verhältnis.
Viele Sklav_innen entzogen sich dem unmenschlichen Arbeitssystem durch Flucht. Als Sklav_in hatten sie im 17. / 18. Jahrhundert eine durchschnittliche Überlebensdauer von sieben Jahren. Es bildeten sich Widerstandsdörfer bzw. "Sklavenrepubliken", von denen Palmares (17. Jahr­hundert) in Pernambuco / Brasilien mit 30 000 Einwohner_innen als Symbol des Widerstands im kollektiven Gedächtnis der Afro-Brasilianer_innen besonders verankert blieb.

VII Faschismus und Nationalsozialismus – die rassistische Form der Enteignung
Die so genannte Arisierung des Eigentums der Jüd_innen ging ihrer Vernichtung voraus. Nicht nur der Staat profitierte davon. Trotz bankrottem Staatshaushalt ließ sich so die Finanzierung von Arbeits- und Rüstungsprogrammen realisisieren. Karl Renner, konservativer SPÖ-Politiker und 1. Staatspräsident Österreichs nach 1945, erklärte SPÖ-intern, dass es keine SPÖ-Partei­genoss_innen gäbe, die nicht von der Arisierung profitiert hätten. Deshalb dürfe die Arisierung von der SPÖ nicht thematisiert werden.

VIII Der moderne Kapitalismus und die Aneignung des Reichtums der Zukunft
Kapitalismus hat schon immer nicht nur die Menschen ausgebeutet sondern ohne große Rücksichten die kollektiven Möglichkeiten zukünftiger Generationen angeeignet. Die Gewinne wurden dabei privatisiert, die Kosten fielen erst später an und sind z.B. heute in Form des Klimawandels von allen, insbesondere aber von den Menschen im Trikont, zu tragen.
Die extremste Form einer solchen Ausbeutung der Zukunft stellt die Atomkraft da. Für den Bau werden gewaltige Zuschüsse angeeignet. Der Abraum des Uranbergbaus strahlt ungesichert auf offenen Halden vor sich her. Die sichere Endlagerung über Jahrmillionen ist technisch unmög­lich. Die Kosten, das zeigen sowohl die Asse als auch Morsleben, tragen nicht die Verursacher sondern die Allgemeinheit. Dafür erzielen die Energiekonzerne extreme Extra-Profite aus den abgeschriebenen Uralt-Reaktoren. Die Kosten für den GAU und die untrennbar mit der so ge­nannten friedlichen Nutzung verbundene militärische Nutzung der Atomkraft (Atombomben auf Hiroschima und Nagasaki, Atombombentests u.a. auf dem Muroroa-Atoll, DU-Munition in Irak, Afghanistan und im Kosovo) lassen sich gar nicht monetarisieren, werden aber nie von den Ver­ursachern getragen.
Breite Teile des Anti-AKW Widerstands, der zeitweilig Hunderttausende mobilisieren konnte, haben die Grundlagen des Kapitalismus von der Wurzel her kritisiert und teils militant bekämpft.

IX Der Kapitalismus in der Krise und die totale Aneignung
Für Marx war die „ursprüngliche Akkumulation“ ein Prozess, der dem Kapitalismus vorausging, seine Anfänge begleitete. Maria Mies, Claudia von Werlhof et al haben in „Frauen, die letzte Ko­lonie“ nachgewiesen, dass die „ursprüngliche Akkumulation“ dem Kapitalismus immanent ist.
Es gibt heute nichts mehr, was der Kapitalismus nicht zur Ware macht und damit zum Objekt privater Aneignung, sei es der Mensch selbst, kleinste Partikel wie Gene oder Nano-Teilchen, patentierte Gedanken oder die Basis allen Lebens, Wasser und Luft.
Die totale Aneignung ist, ebenso wie Goebbels totaler Krieg, nicht Ausdruck der Stärke sondern der existentiellen Krise. Der tendentielle Fall der Profitrate zwingt den Kapitalismus zu perma­nentem Wachstum, zu permanenten Neuerfindung von Märkten. Die Realwirtschaft kann diesem Bedarf seit Jahrzehnten immer weniger nachkommen. So wird eine Finanzblase nach der ande­ren aufgebaut um bald zu platzen.
Die Ursache all dieser Probleme liegt, wie Marx immer wieder betont hat, nicht im bösen Kapita­listen, sondern am stummen Zwang der kapitalistischen Verhältnisse, der sich hinter dem Rücken der Menschen ausbildet und als Notwendigkeit erscheint.
a) Der Mensch als Ware
Hatte der arme Mensch zu Beginn des Kapitalismus nur seine Ware Arbeitskraft zu verkaufen, so werden heute mit der zunehmenden Vereinzelung alle seine sozialen Beziehungen zur Ware. Gegenseitige Hilfe wird von Dienstleistungen verdrängt, ein soziales Umfeld durch professionelle Beratung und kommerzielle Vermittlung von Kontakten. Gesundheitsversorgung ist nicht länger ein soziales Recht, sondern eine Frage der Verfügbarkeit von Geld. Globale Märkte für Babies und Organe haben sich entwickelt. Die Umwandlung des Menschen zur Ware ist nichts uns äußeres. Unser Denken, unsere Urteilsfähigkeit und unser Handeln werden in diesem Prozess marktförmig zugerichtet und richten sich selbst, uns und andere weiter zu.
b) Gentechnik
Neben allen ökologischen, sozialen und gesundheitlichen Folgen der Grünen Gentechnik steht diese auch für Aneignung durch die AgroKonzerne. Für die Bäuer_innen bedeutet die Ausbrin­gung von gv-Saatgut eine extreme Abhängigkeit von und Kontrolle durch die GenTec-Konzerne. Grundlage dafür ist die Patentierung von Saatgut und die Form der Vermarktung als Lizenz­vergabe. Mit der Terminator-Technologie wird diese Abhängigkeit total werden. Die Nachzucht von eigenem Saatgut wird damit unmöglich gemacht.
Der Widerstand dagegen wird global vielfach militant durch Via Campesina, einen weltweiten Zusammenschluss von Kleinbäuer_innen und Landlosen geführt.
Die Gen- und Reproduktionsmedizin macht Schritte auf dem Weg zum Wunschkind aus dem genetischen Baukasten. Wie weit ist das Ergebnis noch Mensch. Wie bewältigen solche Cyborgs das Nichterfüllen dieser Erwartungen oder werden der Schwerarbeits-Cyborg, oder die High-Society-Schönheits-Cyborgin, die nicht wie geplant funktionieren, gleich entsorgt werden.
c) Patentierung und Biopiraterie
Kropotkin hat die Patentierung von Erfindungen bereits vor über 100 Jahren als eine Form der Aneignung erkannt, die Weiterentwicklung ver- oder behindert, nicht aber fördert. Heute gibt es aber nicht nur Patente auf technische Erfindungen. Die GenTec Industrie patentiert tagtäglich Gensequenzen von Pflanzen, Tieren und Menschen sowie angeblich neue Herstel­lungsverfahren. Vieles davon basiert auf Biopiraterie, Raub vor allem in Ländern des Trikont. Windows basiert auf der Aneignung geistigen Wissens zahlreicher Programmierer. Diese Patentierungen sind grundlegend für Macht und Profite.
d) Aneignung des Wassers
Multinationale Konzerne, wie u.a. Nestlé und Energiekonzerne, sind dabei, sich die Wasser­versorgung unter den Nagel zu reißen. Eine Reihe deutscher Germeinden und Städte leiden bereits unter den Folgen der Cross-Border-Leasingverträge mit US-Konzernen. Dramatischer ist die Situation im Trikont. Trotz breiten Widerstands wurde z.B. im Bundesstaat Cordoba / Brasilien der Vertrag mit Suezwasser weitere 20 Jahre verlängert. Dabei sind die Probleme offensichtlich: Die Zahl der angeschlossenen Haushalte geht zurück, an der Aufbereitung des Wassers wird gespart, die Qualität des Wassers verschlechtert sich also und der Ausschluss durch steigende Preise nimmt zu. Anfang 2006 verhinderten regelrechte Massendemonstrationen eine geplante Preiserhöhung um bis zu 200% . Ein erfolgreiches Beispiel für Widerstand ist Bolivien, wo der "Wasserkrieg" im Jahr 2000 mit einem spektakulären Rückzug der Privatisierer endete.
e) Aneignung der Luft
Der Kioto-Vertrag, der als Klimaschutz-Projekt gefeiert wird, hat diesbezüglich keine nennens­werten Ergebnisse aufzuweisen. Es ist ein Vertrag Luft und das Recht auf deren Verschmutzung zur Ware zu machen. Das die Energiekonzerne die Verschmutzungs-Zertifikate zwar nach wie vor im Wesentlich geschenkt bekommen, andererseits die Kosten für die Zertifikate einpreisen ist dabei nur eine Randerscheinung der Aneignungspraxis.
An zentralen Kreuzungen in japanischen Großstädten gibt es Frischluftautomaten. Wann wir die Luft zum Atmen kaufen müssen, ist also nur noch eine Frage der Zeit.

X Eigentum ist Diebstahl
Bei diesen Beispielen, liegt es auf der Hand mit Proudhon Eigentum als Diebstahl zu betrachten. Mit Proudhon verstehe ich jedes Vermögen und jedes Kapital, dass aus der Ausbeutung von Arbeiter_innen (und "Natur") gewonnen wird als Diebstahl. Das ist nichts anderes als die private Aneignung des von den Arbeiter_innen erwirtschafteten Mehrwerts und Extraprofite aus der Verseuchung von Wasser, Erde, Luft und Lebewesen. Selbst in das schwer erarbeite Einkom­men von Arbeiter_innen in der BRD fließen Privilegien auf nationaler Ebene (z.B. für Arbei­ter_innen der Automobilindustrie und Pilot_innen) und patriarchale Unterpriviligierungen (z.B. für Friseus_innen), globale Privilegien und globale Ausbeutungsverhältnisse ein. Einen 'gerechten Lohn' kann es also nicht geben. Lohn ist einerseits Ergebnis der Ausbeutung durch kapitalis­tische Mehrwertproduktion, andererseits profitiert er von patriarchalen (unbezahlte Reproduk­tionsarbeit) und in den kapitalistischen Metropolen von globalen (u.a. Terms of Trade) Ausbeu­tungsverhältnissen.
Selbst eine Bewertung von Arbeit nach Zeitkontingenten, wie es Tauschringe vornehmen, schafft ungleiche Möglichkeiten zur Eigentumsbildung, da Menschen z.B. aus körperlichen, psychischen oder altersgründen unterschiedlich 'leistungsfähig' sind.
Peter Kropotkin schrieb dazu: „Es ist absolut unmöglich, zwischen den Leistungen der Einzelnen irgendwelche Unterschiede zu machen. Die Arbeit nach den Ergebnissen zu bewerten, führt ins Absurde. Sie zu zerlegen und nach Arbeitsstunden zu messen, führt ebenfalls ins Absurde. Es bleibt nur eins: die Bedürfnisse über die Leistungen zu stellen und vor allem anderen das Recht auf Leben anzuerkennen... “ „Die ... menschliche Gesellschaft überlebte keine zwei Gene­rationen, sie ginge binnen 50 Jahren unter, gäbe nicht ein jeder unendlich viel mehr, als er in Geld, in »Gutscheinen« oder in Form von bürgerlicher Anerkennung zum Lohn erhält. Das Menschengeschlecht wäre bald ausgelöscht, ... gäbe nicht jeder Mensch etwas, ohne mit einem Lohn zu rechnen, gäbe er nicht gerade dort etwas, wo er keine Entschädigung erwartet.“
Nur eine Gesellschaft ohne Eigentum kann allen Menschen, unabhängig von ihrem Wohnort, ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts und sexueller Orientierung und ihrer Leistungsfähigkeit ein gutes Leben ermöglichen.

XI Die Utopie einer Gesellschaft ohne Eigentum
Eine Welt ohne Eigentum ist erstmal nur schwer vorstellbar. Die Idee einer Gesellschaft ohne Eigentum und Geld aber ist schon im 16. Jahrhundert beschrieben worden. Thomas Morus veröffentlichte 1516 seine Utopia. Er erkennt darin, dass mit Geld und Eigentum auch Diebstahl, Raub, Neid, Sorgen etc. verschwinden müssen. Kropotkin hat in „Eroberung des Brotes“ die Notwendigkeit einer geldlosen, an den Bedürfnissen der Menschen orientierten Ökonomie für eine herrschaftsfreie Gesellschaft dargelegt.
Viele politische Kommunen in Vergangenheit und Gegenwart arbeite(te)n intern ohne Bewer­tungen von Arbeit. Im Spanischen Bürgerkrieg probte manch eine anarchistisch organisierte Gemeinde die geldlose Ökonomie, während die meisten bei Ersatzgeld auf Basis von Zeitver­rechnungen stehen blieben. Die Diggers aus Ashton-Haights (Stadtteil von San Francisco) haben 1966 bis 1968 ihr Free City Network aufgebaut. Sie entwickelten damit den umfassendsten Ansatz einer geldfreien Öko­nomie in einer kapitalistischen Metropole der Nachkriegsära. Teile ihrer Umsonstökonomie waren tägliche warme Mahlzeiten, Lebensmittel, SecondHand Kleidung, Freies Wohnen, Bäckerei, Druckerei, Rechtsberatung, Transportflotte, kostenlose medizinische Beratung, Filmvorführun­gen, Konzerte und Guerilla-Theateraktionen, insbesondere letztere in aller Regel als Reclaim The Streets Vorläufer auf wichtigen Kreuzungen.
Bis heute ist es nrgendwo gelungen dauerhaft eine geldfreie, herrschaftsfreie Ökonomie zu etablieren. Es gibt aber Projekte, die versuchen in den gesellschaftlichen Widersprüchen die Utopie einer Gesellschaft ohne Eigentum, Geld und Tausch begreifbar zu machen.
Heute ist in der BRD das Umsonstökonomie-Projekt in Hamburg-Altona als Projekt materieller Ökonomie am weitesten ausgebaut. Umsonstladen, Fahrradselbsthilfe- und Nähwerkstatt, Kleinmöbellager und Freie Uni sind Teilprojekte des Arbeitskreises Lokale Ökonomie. Das Umsonst-Netzwerk um unseren Umsonstladen hier in Bremen ist durchaus ausbaufähig.
Ansätze einer geldfreien Produktion, wie auf dem Karlshof bei Berlin oder im Kollektiv Wieser­hoisel in der Steiermark (Österreich), sind selten und sehr begrenzt. Die Landlosenbewegung Brasiliens, der MST, arbeitet hingegen sehr intensiv mit dem Mittel der Landbesetzung und baut so eine auf dem Subsistenzprinzip basierende Ökonomie für die beteiligten Bäuer_innen auf.
Offensive Hausbesetzungen, wie die Besetzung der Grevener Str. 53 am 1.1.2009, um eigen­tumsfreie, kollektiv genutzte Räume zu schaffen, sind in der BRD selten geworden. Das Mietshäuser Syndikat verbindet aber mittlerweile 40 Projekte, bei denen die Reprivatisierung des Kollektiveigentums unmöglich gemacht wird.
Fabrikbesetzungen sind hier als eher symbolische Aktion, wie bei der Produktion des StrikeBike (Nordhausen, Thüringen), schon sehr außergewöhnlich. Zanon in Argentinien z.B. produziert nach mehr als acht Jahren Kampf immer noch Fliesen und Kacheln im Kollektiv der besetzten Fabrik. Die Belegschaft von Jugoremedja, einem Pharma-Unternehmen in Zrenjanin (Serbien) kämpft aktuell gegen die Privatisierung und für eine Selbstorganisation in Arbeiter_innenhand.
Cecosesola, ein Zusammenschluss von Kooperativen in Barquisimeto (Lara, Venezuela), ging einen anderen Weg. Cecosesola wurde bereits 1967 als Projekt solidarischer Ökonomie gegründet. Nach einer existentiellen Krise in den 1980ern, wurde Cecosesola ohne Vorstand und Hierarchien neugegründet, Es umfasst heute über 2000 Kollektivmitglieder. Arbeitsbereiche sind Landwirtschaft, Verarbeitung und Marktverkauf in der Region, sowie seit einigen Jahren die medizinische Basisversorgung in Gesundheitszentren, in denen monatlich 10.000 Behandlungen zu erschwinglichen Preisen durchgeführt werden.
Im Bereich der Kritik des geistigen Eigentums hat in den letzten 20 Jahren der Begriff Commons eine klare Renaissance erlebt. Als Verbindendes von den verschiedenen Projekten Freier Software (GNU, Linux, Firefx, Thunderbird, ...) und freier Inhalte (Wikipedia, creative com­mons, ...) wurde die Peer-Ökonomie entwickelt. Die Peer-Ökonomie geht von Besitz – im Gegensatz zum heutigen Eigentum – aus. Aus Besitz an Gemeinressourcen (common pool recources) leiten sich Mitverantwortung, Zugang, Nutzung und Kontrolle ab. In der Peer-Ökonomie geht es um Beitragen, nicht ums Tauschen.

Anmerkungen, Kritik, Komentare