09 Wie funktioniert Geld?

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Wie funktioniert Geld?


Zur Kritik einer falschen, verkürzten Analyse in "lustigen" Animations-Filmen
Menschen aus unserem Projektumfeld empfahlen, den Film "Wie funktioniert Geld?" von Max von Bock zu zeigen. Nachdem sich mehrere Personen den Film angesehen hattten, entschieden wir den Film zu zeigen und in einen kritischen Kontext zu stellen, da der Film offensichtlich einerseits viel Beachtung findet, andererseits eine falsche, verkürzte Analyse darstellt, die eben nicht nur lustig, sondern, da nicht erkannt, eher gefährlich ist.

Zur Entwicklung von Tausch und Geld
Bereits die Farbpigmente für die Felsmalereien der Altsteinzeit wurden teilweise über viele hundert Kilometer entfernt von den Höhlen, in denen sie verwendet wurden, gewonnen.
Auch wenn in großem Umfang und auf weite Strecken Dinge ausgetauscht wurden, so war der frühe Fernhandel doch nicht Handel, nicht einmal Tauschhandel, in heutigem Sinne. Für diese Zeit können wir noch von einem System gegenseitigen Schenkens ausgehen. Der traditionelle Brauch, den von einzelnen Sippen erwor­benen Reichtum rasch in Potlach-Zeremonien wieder zu verteilen, wird von Göttner-Abendroth als typisch für matriarchale Gesellschaften beschrieben. Das Ansehen der Clans war abhängig von Größe und Häufigkeit der gegebenen Geschenke. Geben und Nehmen war ein wichtiges Bindeglied. Soziale und wirtschaftliche Angelegenheiten waren nicht getrennt.
Mit der Entwicklung der frühen patriarchalen Kulturen ging es dann mehr und mehr um das Ansehen einzelner Menschen. So gewandelt wurde dieser Brauch auch von den kriegerischen, patriarchalen Kulturen der Bronzezeit gepflegt.
Daraus entwickelte sich die keltische Prestigegüterökonomie. Die keltischen Adeli­gen mussten ihre gesellschaftliche Stellung ständig erneut im Krieg, im Wettkampf und in großen Banquetten behaupten. Ihr Buhlen um Reichtum, Macht und Gefolg­schaft führte zu einer äußerst labilen Hierarchie innerhalb des Adels. Die Gast­freundschaft und die ritualisierten Gaben an die Gefolgsleute auf den Festen verteil­ten den aufgehäuften Reichtum. Luxuswaren, wie der importierte Wein, ausge­schenkt auf dem Fest hatten die Gefolgschaft zu festigen. Je wertvoller die Gaben, umso größer war die Verbundenheit der Gefolgsleute. Der Handel der einzelnen Clans hatte vorrangig die Aufgabe, diese Luxuswaren herbeizuschaffen. Rinder und Sklav_innen waren dort erste Währungen. Das römische pecunia, Münze, stammt von pecus, Rind. Entsprechendes gilt für die indische Währungseinheit Rupie.
Solche Bräuche haben sich in den Potlach-Zeremonien z.B. bei indianischen Stämmen an der nordamerikanischen Westküste bis in die Neuzeit erhalten.
Das kleinasiatische Händlervolk der Lyder führte gegen 700 v.u.Z. die Münze ein. Hier ging es um die Vereinfachung von Tausch Ware – Geld – Ware, verbunden mit dem Ziel der Reichtumsproduktion. Die Grundlage dafür, dass das funktionieren konnte ist der abstrakte Wert, den Gold und andere Edelmetalle für die gesell­schaftliche Oberschicht gewonnen hatten.
Die Basis der Ökonomie war aber die Subsistenzwirtschaft. Es wurde also bis zur frühen Neuzeit – mit Ausnahmen - für den eigenen Bedarf produziert. Die Über­schüsse wurden auf dem Markt verkauft um fehlende Dinge kaufen zu können.

Welche Bedeutung hat Geld im Kapitalismus?
Mit dem aufkommenden Kapitalismus beginnen sich der Charakter des Geldes und der Dinge zu ändern. Die Dinge wurden nicht länger für den Bedarf produziert, sondern für den Markt, um dort einen Mehrwert zu erzielen. Ziel von Geld ist nicht mehr die Vereinfachung des Tausches, sondern die Verwertung des Geldes. G – W – G'. Die Mehrwertproduktion wird zur Triebfeder der Warenproduktion. Deshalb gilt es den Umlauf des Geldes zu vereinfachen und auszuweiten.
Ab dem späten 16. Jahrhundert gaben Londoner Goldschmiede Zertifikate an Einleger über Einlagen an Gold aus. Dieses Papiergeld war zu 100% in Gold gedeckt. So entstand in Europa Papiergeld. Österreich gab 1746 die ersten Gulden-Scheine aus. In China kannte man das Papiergeld als "fliegendes Geld" freilich schon länger.
Erst 1904 ließ die Bank von England eine Deckung von weniger als 100% zu. Bis zu Beginn des 1. Weltkriegs bestand im Deutschen Reich eine Dritteldeckung.
Wertpapiere, Buchgeld und - als Ausweg aus der Krise der 70er entwickelt, zum Katalysator der aktuellen Krise gewachsen – Derivate, Optionshandel und andere Instrumente des entkoppelten Finanzmarktes sind moderne Entwicklungen im Kapiatismus.

Welche Rolle spielt der Zins?
Silvio Gesell meinte vor 100 Jahren die Wurzel allen Übels erkannt zu haben, den Zins. Gesell bezeichnete Zins, anders als den Unternehmergewinn, als leistungsloses Einkommen. Das war für ihn die Ursache dafür, dass sich am Markt nicht die Fittesten durchsetzen und das es immer wieder zu Krisen kommt. In der Weltwirtschaftskrise der späten 1920er Jahre wurde sein Freigeld-Experiment in Wörgl, Österreich bekannt. Freigeld ist ein lokales Geld, dass wenn es gehortet wird an Geldwert verliert, dadurch zu schnellem Umlauf anreizt und als Wachstumsimpuls für den lokalen Markt funktioniert.
Gesell hat bis heute Anhänger_innen. Dazu zählt offenbar der Bremer Mediendisigner und Filmemacher Max von Bock. Das Spektrum reicht von Einzelnen, die sich als Anarchist verstehen (Dipl.-Ing.A.Narcho: Die postindustrielle Anarchie) über Anthroposoph_innen bis hin ins esoterische Spektrum.
Zweiffellos haben Zinsen im Kapitalismus teils verheerende Folgen. Verwiesen sei dazu nur auf die Schuldenfalle, in der viele Länder des Trikont seit ca 30 Jahren stecken, und die dafür sorgt, dass 1. sehr viel Geld aus diesen Ländern abfließt und unseren Reichtum mehrt und 2. dem IWF und der Weltbank die Machtmittel gibt, neoliberale Strukturanpassungen durchzusetzen und damit 3. die Schere zwischen Arm und Reich in diesen Ländern radikal vergrößert.
Seit den 70er Jahren hat der Kapitalismus zunehmend Schwierigkeiten, im nötigen Maß neue Märkte zu erschaffen, um den ihm eigenen Wachstumszwängen gerecht zu werden. Da in der produzierenden Wirtschaft nicht genug Geld profitbringend investiert werden konnte, wurden immer neue Finanzmarkt-Instrumente geschaffen und durch die neoliberale Politik gefördert. Nach dem dot.com-Crash reichte auch das nicht mehr. Wachstum wurde durch die extreme Absenkung des Zinsniveaus stimuliert. Die US- und die japanische Notenbank geben den Banken Kredite ab 0,0x %, Österreichische Banken vergaben in Osteuropa gar Kredite zu 0 % und verdienten bis letztes Jahr dank der Wechselkursentwicklung gut daran. Solches Wachstum hat eine sehr labile Grundlage und ist der Auslöser für die aktuelle Weltwirtschaftskrise.
Zinsen sind also nicht der Grund für Ausbeutung und Ungleichheit, sondern lediglich eine Möglichkeit von Ausbeutung und privater Aneignung unter kapitalistischen Bedingungen. Gesells Ziel, Wirtschaftswachstum zu fördern, ist kein emanzipa­torisches. Es führt geradewegs in die ökologische Katastrophe und verhindert auch die soziale nicht.
Die Zinskritik Gesells ist also eine verkürzte Kritik am Kapitalismus, die zu falschen Lösungsansätzen führt.

Wann kippt eine verkürzte Kritik in antisemitische Muster?
Anders als den Nazis, wäre es nicht fair, den Anhänger_innen Gesells primär antisemitische Ideen zu unterstellen. So ist der Vorwurf des strukturellen Antisemitismus auch immer ein Vorwurf, auf den sie sehr gereizt reagieren.
Dieser Vorwurf ist trotzdem zu erheben, da eine ganze Reihe von in der Struktur übereinstimmenden Mechanismen bedient werden. Es fehlt ihnen leider die notwendige Reflexion.

Die Assoziation von Jude und Finanzkapital

Die Nazis unterschieden zwischen dem raffenden Kapital und dem schaffenden Kapital. Die Anhänger_innen Gesells unterscheiden zwischen leistungslosem Einkommen und Unternehmergewinn. Bei Max von Bock ist es der Außerirdische, der sich mit Hilfe von Bank und Zinsen Geld und Macht sichert und die Arbeitenden und Unternehmer_innen zu immer mehr Produktion zwingt.
In allen drei Fällen ist das Finanzkapital negativ, das produzierende Kapital positiv gewertet. Diese Ansätze sind nicht in der Lage zu erkennen, das beide aufs engste miteinander verbunden sind, also als zwei Seiten einer Medaille nicht ohne einander existieren können.
Die Assoziation zwischen Finanzkapital und Juden ist weit älter als die Nazi-Ideologie. Die Anfänge des Antisemitismus reichen auf religiöse Vorwürfe im Neuen Testament zurück. Die Assoziation der Juden mit dem Finanzkapital geht auf das Mittelalter zurück. Jüd_innen war es verboten sich in den meisten produzierenden Bereichen zu betätigen. Geldverleiher durften sie werden. Die Menschen fühlten sich von den „jüdischen“ Zinsen ausgebeutet. Die geistlichen und weltlichen Herrscher nutzten das immer wieder zur Sicherung ihrer Macht und ließen dem geschürten Volkszorn freien Lauf, der sich in Pogromen entlud. Im 19. Jahrhundert wurden dieser traditionell christliche Antisemitismus mit rassistischem Antisemitismus verbunden. Das sind Muster, auf die nicht nur Gesell und die Nazis zurückgreifen, die im Bürgertum sehr weit verbreitet waren und auf die zeitweise auch die Kommunistischen Parteien anspielten. Diese Assoziationen funktionieren auch heute noch.

Antisemitische Bildersprache:

Der Antisemitismus verwendet immer wieder bestimmte Bildersprachen. Die Hakennase ist sicher der bekannteste Stereotyp, den der Nazi-Antisemitismus auch intensiv bediente. Auch typisch ist die Entmenschlichung der Jüd_innen. Theoretisch und in Bildern werden die Jüd_innen darin zu nicht hoch entwickelten und negativ besetzten Tieren stilisiert. Das war für die Vernichtung der Jüd_innen in den KZs notwendige Voraussetzung. Die wichtigsten anti-semitischen Zoomorphismen sind Spinne, Vampir, Schlange und Krake. Die Krake steht als antisemitisches Symbol für die jüdische Weltherrschaft. Auch bei Max von Bock steht die Krake für Weltherrschaft.

Verschwörungstheorie

Statt einer Analyse der Ursachen werden gerade von recht(sextrem)er Seite immer wieder Verschwörungstheorien entwickelt. Sie präsentieren eine einfache Antwort und ein klares Feindbild. Die Krake vollendet die Weltverschwörung und “regiert das Geld, und Geld regiert die Welt.” Auch in der antisemitischen Publikation “Das Rätsel des jüdischen Erfolgs” von 1928 hieß es: “Der Hebräer [...] erkannte es [...] als einen Vorteil, von dem umlaufenden Gelde so viel als möglich an sich zu bringen, um dadurch Macht und Gewalt über das wirtschaftliche Leben zu erlangen. [...] Er will durch das Geld herrschen und unterdrücken”. Die Karikaturen dazu sind Juden auf einem Geldsack. Satire?
Einer der Nutzer der Seite über das-finanzjudentum-als-ein-auserirdischer-kraken interpretiert Max von Bocks Film als Satire, in der die real existierende Absurdität des Geldschöpfungsprozesses mit einer ebenso absurden Metapher abgebildet wird. Die strukturelle Nähe sähe ich darin aber auch nicht aufgehoben.

Von der Utopie einer geldfreien Ökonomie
Kapitalismus kann, wie wir gesehen haben, durchaus ohne Zinsen, nicht aber ohne Geld existieren. Denn die Bewertung der Dinge und Tätigkeiten ist die Basis von privater Aneignung und Ausbeutung.
Kropotkin hat die Notwendigkeit der Abschaffung von Privateigentum an Produk­tionsmitteln und von Geld und der Aufbau einer Ökonomie die von den Bedürfnissen der Menschen ausgeht dargelegt (www.umsonstladen-k108.de.vu 7.2. Kropotkin und der geldfreie Anarcho-Kommunismus).

Quellen
Andreas Exner: Sackgasse Regionalwährung, in: Contraste 296, Mai 2009
animiertes video: wie funktioniert Geld? (wie funktioniert Geld in Suchmaschine eingeben)
http://unterben.wordpress.com/2009/01/05/das-finanzjudentum-als-ein-auserirdischer-kraken
http://www.jm-hohenems.at/mat/504_karikaturen.pdf
reichlich eigene Gedanken und Text(fragment)e


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