Altersdiskriminierung ("Kinderrechte")

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Die Gleichberechtigung des Kindes - eine menschenrechtliche Selbstverständlichkeit

Kinder sind zweifelsfrei Menschen. Deshalb haben auch sie eine unantastbare Menschenwürde – die gleiche unantastbare Menschenwürde wie alle erwachsenen Menschen. Eine Unterschiedlichkeit ihrer Menschenwürde wäre schlicht unbegründbar. Sonst müßten wahrscheinlich auch Frauen und Männer eine unterschiedliche Menschenwürde haben, kluge und weniger kluge, behinderte und nicht behinderte, arme und reiche, und überhaupt alle Menschen müßten unterschiedliche Menschenwürden haben. Das wäre natürlich Unsinn. Alle Menschen haben die gleiche Menschenwürde.

Und allgemein werden die Menschenrechte aus dieser Menschenwürde hergeleitet. Da alle Menschen in ihrer Menschenwürde gleich sind, wäre es sehr unlogisch, wenn einige Menschen weniger Menschenrechte hätten als andere. Deshalb haben alle die gleichen Menschenrechte – auch Kinder.

Es ist grundsätzlich ungerecht, Menschen aufgrund einer Eigenschaft zu diskriminieren, für die sie nichts können. Nicht nur Geschlecht, Hautfarbe, Behinderung und Staatsangehörigkeit sind solche Eigenschaften, sondern auch das Alter eines Menschen. Einen Menschen aufgrund seines Alters rechtlich zu benachteiligen ist kein bißchen besser, als ihn aufgrund seiner Hautfarbe zu diskriminieren.

Daß Kinder im allgemeinen weniger Fähigkeiten haben als Erwachsene, kann in keinem Fall ein Argument sein, um Kindern Rechte vorzuenthalten. Es ist wichtig, sich klar zu machen, daß ein Recht und eine Tätigkeit nicht das selbe sind. Ein (Menschen-)Recht zu haben, heißt, daß man an einer Handlung nicht gehindert werden darf. Es heißt nicht, daß man die Handlung jemals begehen muß. Es heißt nicht mal, daß man körperlich und geistig dazu überhaupt fähig sein muß. Das Recht auf freie Meinungsäußerung beispielsweise verpflichtet niemanden, sich zu einer Thematik zu äußern; es stellt nur klar, daß niemand daran gehindert werden darf. Und auch denjenigen Menschen, die – z.B. aufgrund einer Behinderung – in ihrer Fähigkeit zur Meinungsäußerung eingeschränkt sind, wird dieses Recht nicht entzogen. Welchen Sinn sollte es auch haben, jemandem, der sich ohnehin nur schwer äußern kann, dies nun ganz zu verbieten? Vielmehr muß gerade diesem Menschen besonders geholfen werden, muß gerade auch er dieses Recht haben.

Der Grundgedanke der Menschenrechte ist der Schutz Schwächerer. Alle Menschen haben ein unterschiedliches Leistungsvermögen, haben unterschiedliche Fähigkeiten. Das führt dazu, daß einige Menschen bei Konflikten von Natur aus immer unterlegen sind und einige andere immer den Sieg davontragen. Konflikte wären immer schon im Voraus entschieden, weil der Fähigere sich immer durchsetzen kann und der Schwächere dem schutzlos ausgeliefert wäre. Es bestünde Faustrecht, das Recht des Stärkeren. Aus diesem Grund wurde die Kategorie "Recht" erfunden. Der Schwächere sollte vor der Macht des Stärkeren geschützt werden. Der Schwächere bekam ein Recht, d. h. er durfte bestimmte Handlungen begehen. Daran durfte ihn keiner hindern, also auch der Starke nicht. Natürlich durfte auch der Starke nicht unterdrückt werden. Also bekam auch er das Recht, das der Schwache bekommen hatte. Keiner von beiden mußte nun mehr befürchten, vom anderen unterdrückt zu werden, denn jegliche Konflikte mußten vor dem Hintergrund der Menschenrechte gelöst werden, und auf der Ebene der Rechte waren nun beide gleich. Logischerweise gilt, daß das Recht des einen da aufhört, wo das Recht des anderen eingeschränkt wird. Mit anderen Worten: Man kann tun und lassen, was man will, solange man dadurch nicht die Rechte anderer verletzt. Selbstbestimmung in Bereichen, die nur den Einzelnen angehen und Mitbestimmung in Bereichen, die alle angehen. Das sind die Grundprinzipien von Freiheit, Menschenrechten und Demokratie.

Da Kinder und Jugendliche in vielen Bereichen weniger Fähigkeiten haben – schwächer sind –, sind gerade sie auf den Schutz durch Rechte angewiesen. Wenn man ihnen – wie heutzutage üblich – die Gleichberechtigung verwehrt, verfehlt dies die Grundidee der Menschenrechte.

Schutz darf grundsätzlich nie bedeuten, daß die Rechte der zu schützenden Person eingeschränkt werden. Gegebenenfalls ist sie von einigen Pflichten zu entbinden, oder erhält in einzelnen Situationen zusätzliche Rechte aufgrund ihrer verminderten Fähigkeiten. Rollstuhlfahrern z.B., die ja in ihrer Fähigkeit sich fortzubewegen eingeschränkt sind, wird nicht etwa das Autofahren verboten, sondern ihnen wird dabei geholfen. Beispielsweise werden sie von der Pflicht, bestimmte Steuern zu zahlen, entbunden. Der Vergleich von Kindern und Menschen, die eine Behinderung haben, ist deshalb geeignet, weil beide über weniger Fähigkeiten verfügen als durchschnittliche Erwachsene. Diese geringeren Fähigkeiten stellen für kaum einen Politiker oder Juristen ein Hindernis dar, wenn es um die grundsätzliche Gleichberechtigung behinderter – oder auch altersschwacher – Menschen geht. Für Kinder und Jugendliche muß das selbe gelten.

Daß an Rechte auch Pflichten geknüpft sind, stimmt nur für die Kategorie der Ordnungsrechte: Wer einen Vertrag schließt, kann nicht eine einseitige Erfüllung erwarten, sondern muß auch seinen Teil erfüllen. Die Menschenrechte hingegen sind absolut unabhängig von Pflichten. Schließlich sind die Menschenrechte ja gerade auch für die Schwächsten da, die oft gar nicht dazu in der Lage sind, eine Pflicht zu erfüllen.

Entsprechend ist das jetzige Prinzip, Kindern mit zunehmendem Alter mehr Rechte zu geben, völlig falsch, weil so die Rechte nur denen gegeben werden, die ohnehin schon "stark" sind, sie aber denen vorenthalten werden, die "schwach" sind und sie daher am dringendsten brauchen.

Alle Menschen müssen von Anfang an die gleichen Rechte haben, und je "stärker" sie werden – das muß nicht am Alter gemessen werden –, desto mehr Pflichten können sie übernehmen.

Wenn Kinder und Jugendliche in vollem Umfang die Menschenrechte haben und gleichberechtigt sind, hat dies weitreichende Auswirkungen auf das Schulsystem, auf das Zusammenleben in der Familie, auf die Demokratie, auf den Jugendschutz und letztlich auf die gesamte Stellung "Minderjähriger" in der Gesellschaft.

Eine Gesellschaft, in der es keine Diskriminierung mehr gibt, wird mit Sicherheit eine wesentlich friedlichere und gewaltfreiere sein, weil Menschen, deren Rechte geachtet wurden, mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auch die Rechte anderer achten. Menschen, die nicht diskriminiert und unterdrückt wurden, werden die Prinzipien von Unterdrückung, Macht und Diskriminierung nicht auf andere anwenden. Sie haben andere Formen der Konfliktllösung und des zwischenmenschlichen Umgangs gelernt.

Die Gleichberechtigung wirklich aller Menschen wird sicher nicht sämtliche Probleme der Menschheit lösen. Aber nach der – zumindest gesetzlichen – Gleichberechtigung der Frauen, der Schwarzen und der Menschen mit Behinderung wäre die Gleichberechtigung der Kinder ein logischer, konsequenter und dringend gebotener Schritt.


                                      Erziehen ist gemein

Wir lehnen jede Art von Erziehung – auch die antiautoritäre – ab. Unter “Erziehung” verstehen offenbar aber nicht alle das gleiche. Um Mißverständnisse zu vermeiden, werden wir diesen Begriff zunächst definieren.

Sicherlich sind die einzelnen Varianten der Erziehung sehr unterschiedlich, viele widersprechen sich sogar fast völlig. Aber einige Merkmale haben alle Arten von Erziehung gemeinsam, und deshalb wird in diesem Text nicht weiter zwischen ihnen unterschieden.

Erziehung ist eine planmäßige (absichtliche) und zielgerichtete Tätigkeit zur Formung meist junger Menschen. Erziehung findet also nicht „ganz natürlich“ bei jeder Kommunikation, bei jeder Beeinflussung, statt, sondern nur, wenn sich einer über den anderen erhebt und meint, ihn zu einem Ziel (hiner)ziehen zu dürfen oder zu müssen. Es gibt bei Erziehung immer ein Erziehungssubjekt und ein Erziehungsobjekt, den Ziehenden und den Gezogenen, den Erzieher und den Zögling, ein Oben und ein Unten.

Erziehung bedeutet, daß Erwachsene ihre Vorstellung darüber, wie ein Kind sein soll – wenn “nötig” auch gegen den Willen des Kindes – durchsetzen. Der Erzieher versucht zu erreichen, daß das Kind in der von ihm festgelegten Zeit zu den von ihm festgesetzten Zielen gelangt. Er stellt Ge- und Verbote auf und sorgt für deren Einhaltung, indem er nach entsprechender Androhung auch seine Machtmittel einsetzt. Das ist zweifellos eine Form von Gewalt. Die Rede von „gewaltfreier Erziehung“ ist daher verwirrend und falsch.

Erziehung respektiert junge Menschen nicht. Sie hat den Anspruch, Menschen zu ändern. Eigenschaften des Zöglings, die der Erzieher als negativ ansieht, versucht er zu unterdrücken, während er “positive” Eigenschaften verstärken will. Er will entscheiden, womit das Kind in Kontakt kommt. Der Erzieher glaubt, er handele im Interesse des Kindes, so wie die Kolonialherren einst auch glaubten oder vorgaben, im Interesse der Kolonisierten zu handeln.

Erziehung ist eine manipulative Angelegenheit. Ein Erzieher geht von der Vorstellung aus, Kinder seien “machbar”. Eine solche Machbarkeits-Vorstellung widerspricht dem Geist einer freiheitlichen Demokratie. In seinem Buch “Antipädagogik – Studien zur Abschaffung der Erziehung” schreibt der Kinderrechtler Ekkehard von Braunmühl: “Der Anspruch, andere Menschen zu verbessern, zu ändern, kann durch keinen Trick der Welt mit den Ideen von Toleranz, Respekt, Vertrauen in Übereinstimmung gebracht werden. Von Demokratie gar nicht zu reden.”

Erziehung ist immer undemokratisch. Allein schon das Setzen eines Zieles, das das Kind erreichen soll, ist undemokratisch. Auch die sogenannte antiautoritäre Erziehung hält an dem Ziel fest, junge Menschen zu formen; sie sollen besonders autoritätskritisch werden. Erziehung ist immer von oben nach unten – also hierarchisch – gedacht.

Dem Erzieher stehen im wesentlichen zwei Erziehungsmittel zur Verfügung: Die Verführung einerseits (Ablenkung, Überlistung, Bestechung, etc.) und die Erpressung andererseits, also Einschüchterung durch das Androhen und Zufügen von Nachteilen.

Erziehung und ihr theoretischer Hintergrund “Pädagogik” sehen Kinder als Objekte, als zu formendes Menschenmaterial, an. Kinder sind aber keine Objekte. Kinder sind Subjekte, selbstbestimmte Lebewesen wie alle Menschen – und zwar von Anfang an. Dementsprechend muß man auch die Beziehung zu ihnen gestalten. Daß Kindern anfangs noch bestimmte Fähigkeiten fehlen (die sogenannte Ausführungskompetenz), ist dabei kein grundsätzliches Problem. Auch alte Menschen werden nicht “erzogen”, wenn sie etwas nicht können, sondern man hilft ihnen eben. Erziehung ist gekennzeichnet von Fremdbestimmung. In der Praxis bedeutet Erziehung oft, daß Kinder zu einer vom Erzieher ausgesuchten Zeit schlafen gehen müssen, sich möglicherweise mit bestimmten Freunden nicht treffen dürfen, Danke und Bitte sagen müssen, nur nach Aufforderung sprechen dürfen, zur Oma zum Besuch mitgehen müssen; sie müssen mit den Eltern zusammen essen oder dürfen es aus erzieherischen Gründen nicht, sie müssen ihr Zimmer nach den Vorstellungen der Eltern einrichten lassen, sich kämmen, sich nach dem Geschmack der Eltern anziehen und sich so benehmen, wie die Eltern es sich wünschen und so, daß sie damit vor Verwandten und Bekannten angeben können (Statussymbol braves Kind). Diese Aufzählung ließe sich beliebig weiterführen. Entscheidend ist nicht, ob diese Handlungen sinnvoll sind, sondern daß dem Kind keine andere Wahl gelassen wird. Von gleichberechtigten Erwachsenen verlangt man all dies nicht, und kommt auch kaum auf die Idee, es zu verlangen.

Aber warum tun Eltern all das? Ist ein gleichberechtigtes, also erziehungsfreies, Zusammenleben nicht für beide Seiten wesentlich angenehmer? Der regelrechte Erziehungswahn vieler Eltern, hat seinen Ursprung in der Annahme, Kinder seien erziehungsbedürftig. So weit verbreitet diese Annahme auch ist: Sie stimmt nicht. Viele Menschen verwechseln Erziehung und Lernen. Erziehung ist eine Veranstaltung des Erziehers. Lernen hingegen ist eine Tätigkeit des Kindes. Es erkundet seine Umwelt, nimmt Informationen auf. Das Kind ist Subjekt seines Lernens. Kinder lernen – und zwar ohne daß man sie dazu zwingen muß. Man kann das Lernen nicht einmal verhindern, höchstens behindern, durch Erziehung zum Beispiel. Kinder sind nicht erziehungsbedürftig, sondern lernbedürftig; und lernen tun sie auch ohne Erziehung. Daß das nicht nur theoretisch so ist, zeigt die Praxis etlicher Familien, in denen die Kinder von Anfang an, ohne erzogen zu werden, aufgewachsen sind.

Natürlich lernen Kinder auch mit Erziehung. Vor allem lernen sie dabei jedoch die Regeln des Erziehens: daß Kinder machen müssen, was man ihnen sagt. Daß es im Konfliktfall nicht darauf ankommt, was man als Kind will oder dazu meint, sondern daß die Erzieher entscheiden. Kinder “erlernen” am Ende den Glauben, daß Erziehung unverzichtbar ist. Und was man einmal verstanden zu haben glaubt, gibt man nicht leicht wieder auf. So erzieht Generation um Generation ihre Kinder – auch wenn das Zusammenleben unter den Bedingungen der Gleichberechtigung eine Beziehungsmöglichkeit ist, die auf Bevormundung und Gewalt verzichtet.

Um noch ein mögliches Mißverständnis auszuräumen: Auf Erziehung zu verzichten, heißt nicht, das Kind zu vernachlässigen, sich überhaupt nicht mehr um es zu kümmern. Gerade kleine Kinder können viele Sachen noch nicht und sind auf Unterstützung angewiesen. Aber muß Hilflosigkeit und Abhängigkeit zum Anlaß genommen werden, um sich über den anderen zu erheben, ihm ein Ziel vorzuschreiben und das Erreichen dieses Ziels notfalls mit Gewalt durchzusetzen? Macht man dies bei alten Menschen, oder bei Menschen mit Behinderung? Und wenn ja, ist es fair?

Und noch ein wichtiger Aspekt: Brauchen Kinder Grenzen? Anhänger traditioneller Erziehung beantworten diese Frage klar mit “Ja”, Anhänger der “antiautoritären” Variante beantworten sie mit “Nein”. Der Fehler, den beide machen, ist, alle Grenzen in einen Topf zu werfen. Es gibt nämlich zwei qualitativ völlig unterschiedliche Arten von Grenzen. Es gibt aggressive Grenzen und es gibt defensive. Defensive Grenzen setzt man zur eigenen Verteidigung, also um sich vor fremden Übergriffen zu schützen (z.B.: “Es stört mich, wenn du nachts um drei laut Musik hörst, weil ich dann nicht schlafen kann.”). Sie entsprechen dem Grundsatz “Freiheit, solange die Freiheit des anderen nicht eingeschränkt wird”. Diese Notwehrgrenzen sind für ein friedliches Zusammenleben sinnvoll. Und sie widersprechen auch der Gleichberechtigung von Eltern und Kindern nicht.

Aggressive Grenzen hingegen setzt man anderen Menschen, um sie zum Beispiel “vor sich selber zu schützen” und sie zu ihrem (angeblichen) Glück zu zwingen (z.B.: “Du darfst keine laute Musik hören, weil es nicht gut für dich ist!”). Erzieherische Grenzen sind aggressive Grenzen. Mit dem Notwehrrecht lassen sie sich nicht begründen. Auf gesellschaftlicher Ebene trifft man diese Art von Grenzen bemerkenswerter Weise vorwiegend in den Staaten an, in denen Menschen-, Grund- und Bürgerrechte auch für Erwachsene nicht gelten. Aggressive Grenzen haben mit Macht zu tun, nicht mit Recht (Gerechtigkeit) wie die defensiven Grenzen.

Der Fehler der sogenannten antiautoritären Erziehung war es also, nicht nur die aggressiven Grenzen abzuschaffen, sondern auch die defensiven. Antiautoritär aufgewachsene Kinder waren es somit gewöhnt, auch defensive Grenzen nicht respektieren zu müssen, was zu Konflikten mit anderen Menschen führt. Vertreter der traditionellen Erziehung behaupten jetzt, daß der Versuch gescheitert sei, Kinder freier aufwachsen zu lassen. Antiautoritäre Erziehung ist aber nicht wegen antiautoritärem Verhalten gegenüber Kindern gescheitert, sondern wegen des Aufrechterhaltens der Idee, daß man Kinder erziehen muß. Und all denen, die meinen, Kinder bräuchten allein schon deshalb Grenzen, um sich an irgend etwas reiben zu können, sei gesagt, daß es genug reale Widerstände gibt, fernab von pädagogischen Scheinwelten.

Aber muß man Kinder nicht doch schützen? Es läßt sich nicht leugnen, daß es im Leben viele Gefahren gibt. Das gilt sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Zum einen kann man versuchen, die Gefahren zu minimieren (Man muß z.B. unisolierte Stromkabel nicht länger aus der Wand gucken lassen, als es unbedingt nötig ist). Zum anderen kann man Kindern in für sie unübersichtlichen Situationen Unterstützung anbieten, sie im Notfall retten und ihnen in ruhiger Atmosphäre, wenn das Kind “aufnahmebereit” ist, erklären, daß fahrende Autos und geöffnete Fenster gefährlich sein können und wie man sich vor den Gefahren schützen kann. All das steht nicht im Widerspruch zur Gleichberechtigung.

Verbote sind mit dem obigen Grundsatz über Grenzen nicht vereinbar und sie sind auch kein wirksamer Schutz, da Kinder die verbotenen Sachen jederzeit ausprobieren können, wenn sie alleine sind. Kinder wollen sich auch gar nicht in Gefahr bringen. Verbote können jedoch Gegenreaktionen hervorrufen, bei denen die Kinder die Sicherheit ihrer eigenen Person übersehen, so daß sie erst dadurch in wirkliche Gefahr geraten. Außerdem tragen Verbote nicht zum Verständnis von Gefahrensituationen bei.

Grundsätzlich sollte gelten, daß Schutz nicht zu einer Einschränkung von Rechten führen darf, sondern Bedürftigen zusätzliche Hilfestellungen angeboten werden sollten.

Es ist verständlich, daß sich Eltern Sorgen machen, wenn ihre zwölfjährige Tochter nachts um zwei noch nicht zu Hause ist. Umgekehrt haben aber auch viele Kinder Angst um ihre Eltern, wenn diese spät nachts noch weg sind. Den anderen vorher zu informieren oder von unterwegs anzurufen, würde vielleicht so manche Beunruhigung mildern. Man kann dem Kind auch anbieten, es selbst oder durch andere Menschen von einem vereinbarten Ort abzuholen oder ein Taxi zu bezahlen. Insgesamt wird es aber kaum gelingen, je alle Gefahren auszuschalten. Beratung, Unterstützung oder Hilfestellung geben, haben sich nicht nur als beziehungsfreundlicher, sondern auch als effektiver herausgestellt als Bestrafung, Verbote und Erziehung.

In gleichberechtigten Eltern-Kind-Beziehungen stellt sich gar nicht erst die Frage, ob die Eltern das eine erlauben oder das andere verbieten. Jeder wird mit seinem Interesse und seiner Entscheidung ernst genommen. Selbstbestimmung bedeutet nicht, daß jede Entscheidung sinnvoll ist, oder daß keine Fehler gemacht werden. Gemeint ist, daß jeder Mensch für sich selbst entscheiden kann, was er als Glück oder als erstrebenswert empfindet und wie er handelt. Die Eltern müssen den Lebensstil des Kindes nicht gut finden. Wenn die Eltern glauben, daß Dieses oder Jenes aber besser für das Kind wäre, können sie mit ihm ja darüber reden, ihm sachliche Informationen anbieten, es über Folgen seines Handelns aufklären, Vorschläge machen. Sympathie- sowie Antipathiebekundungen für das Verhalten des Kindes in bestimmten Situationen kann und wird es natürlich auch geben, wie unter Erwachsenen ja auch. Nur vorschreiben dürfen die Eltern dem Kind eben nicht, was es zu tun und was es zu lassen hat – genauso wenig, wie das unter Erwachsenen üblich ist.

Viele Menschen behaupten, daß Erziehung nötig sei, um Werte zu vermitteln. Es ist aber widersprüchlich, Werte wie zum Beispiel Gewaltfreiheit oder Toleranz anerziehen zu wollen. Falls sich ein Kind nicht im Sinne dieser Werte verhält, müßten die “Erzieher” nämlich nach dieser Logik intolerant sein und notfalls mit (erzieherischer) Gewalt reagieren, um die Wertevermittlung durchzusetzen. In gleichberechtigten Familien erleben Kinder solche Werte, indem sie von anderen gelebt werden und nicht weil sie durch Erziehung vermittelt werden. Durch Erziehung erreicht man nicht, daß Menschen demokratische Werte annehmen und wichtig finden. Wenn ein Erzogener trotzdem demokratisch handelt, so wird dies an Erfahrungen liegen, die er außerhalb der Erziehung gemacht hat.

Einige Menschen glauben, der Mensch sei von Natur aus böse und müsse allein schon deshalb durch Erziehung “auf die rechte Bahn gebracht” werden. Wer Kinder so behandelt, als seien sie Monster, muß natürlich damit rechnen, daß sie sich wehren. Diese Gegenwehr wird von den Monster-Theoretikern oft als Aggressivität angesehen und dient ihnen als Vorwand für noch mehr Erziehung und als Bestätigung ihrer Theorie. Die “böse Natur” des Menschen ist nicht mehr als eine unbewiesene Behauptung.

Und jetzt noch eine schlechte Nachricht für alle, die trotz alledem weiter an der Erziehung festhalten wollen: Mit Erziehung erreicht man in den meisten Fällen das Gegenteil des Beabsichtigten. Das Gegenteil des Befohlenen zu tun, ist oft die einzige Möglichkeit des Kindes zu zeigen, daß es autonom entscheidet, was es tut. Besonders gravierend wirkt sich dieser sogenannte pädagogische Gegenteileffekt in Gefahrensituationen aus, weil viele Unfälle gerade wegen der Verbote geschehen. Rein mitmenschliche und sachliche Informationen – im Unterschied zu Befehlen – sind für das Kind gar kein Anlaß, Widerstand zu leisten. Unter erzieherischen Bedingungen kann der Gegenteil­effekt bestenfalls dadurch umgangen oder vermindert werden, daß das Kind es nicht mitbekommt, wenn es erzogen werden soll, oder dadurch, daß bei Ungehorsam schwerste Strafen drohen.

In der Tat wird Erziehung heutzutage meistens sehr subtil verabreicht, während früher mehr geprügelt und eingesperrt wurde. Mit der Menschenwürde und den Grundrechten des Kindes auf Selbstbestimmung und freie Entfaltung der Persönlichkeit sind beide Varianten nicht vereinbar. Erziehung, das ist eine gefährliche Mischung aus Mißtrauen, Intoleranz, Angst und Heuchelei. Eltern, die die Beziehung zu ihrem Kind auf eine derartige Grundlage stellen, gefährden einen vertrauensvollen Umgang miteinander.

Obwohl weder Erzieher noch Erzogene mit Erziehung und deren Folgen richtig zufrieden sind, wird munter weiter erzogen und sogar mehr “Mut zur Erziehung” gefordert. Vielfach aus Unwissenheit wiederholen viele den Fehler ihrer Eltern und erziehen selber Kinder. Viele Menschen sind der Meinung, daß so manche gesundheitliche, besonders psychische Beschwerden mit Erziehungserfahrungen in Zusammenhang gebracht werden können. Und an diesem Teufelskreis, der aus Erzogenen wieder Erzieher macht, wird sich vermutlich nichts ändern, solange nichts ins Getriebe der Pädagogik kommt – wie antipädagogische Aufklärung zum Beispiel.

Kinder, die mit ihren Eltern gleichberechtigt zusammenleben, machen die Erfahrung von Gewaltfreiheit, Offenheit, Toleranz; sie werden ernst genommen und übernehmen von sich aus Verantwortung. Menschen, die gleichberechtigt aufgewachsen sind, machen übereinstimmend die Aussage, daß sie mit ihren Kindern ebenso zusammenleben wollen, weil sie mit dieser Beziehungsform zufrieden sind.

Falls man sich im Umgang mit Kindern mal nicht sicher ist, ob man auf der Grundlage der Gleichberechtigung handelt, überlege man einfach, ob man in der gleichen Situation mit einem Freund so umgehen würde und ob man es in Ordnung fände, selbst so behandelt zu werden.

Ein flächendeckender Verzicht auf Erziehung würde sicher nicht ohne Auswirkung auf die Gesellschaft bleiben. Wir nehmen an, daß die Gewaltbereitschaft abnimmt, denn Menschen, die Gleichberechtigung erleben, werden vermutlich auch die Rechte und Freiheiten anderer zu schätzen wissen. Die bisher in Machtkämpfen gebundene Energie, würde frei werden für schönere Dinge und das Lösen bisher vernachlässigter Probleme. (Dieser Text wurde bei K.r.a.e.t.z.e. gezockt und müsste noch auf TS umgebastelt werden)

In dem obigen Text wird der Begriff des "Kindes" verwendet. Das macht eine Schublade auf, in der normalerweise eine entmündigte, andersartige, junge Person sitzt. Die Verwendung dieses Wortes ist normalerweise daher diskriminierend und sollte nur unter Vorbehalt verwendet werden.

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