Diskussion und Kontakt/Autoorga 2004 Nachbetrachtungstreffen

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Diskussion und Kontakt

Überregionales Nachtreffen, 20.5. in Kassel

Beiträge / Kongreßthemen und politischer Background Datum: 16.05.2004, 01:48 Uhr Hiermit laden wir alle interessierten Gruppen und Einzelpersonen zum Nachbereitungstreffen für die „Autoorganisation“ ein. Das Treffen findet am Do, den 20. Mai in Kassel am Rande des BUKO statt. Mehr Informationen zum BUKO unter www.buko.info. Wir Treffen ums im DGB Haus in der Spohrstr 6-8. Das DGB Haus ist nur wenige Minuten Fußweg von der Uni Kassel entfernt, wo auch der BUKO stattfindet. Wenn Ihr mit der Bahn anreist, fahrt Ihr am Besten bis Kassel Hbf. Das Treffen beginnt um pünklich um 13 h.

Je nach dem, wie viel Diskussionsbedarf und Interesse es gibt, werden wir das Treffen am Freitag/Samstag/Sonntag fortsetzen.

Das Treffen soll zum einen der Auswertung der Kongress- und Aktionswoche dienen, zum anderen wollen wir über mögliche Nachfolgeprojekte (Autoorganisation 2005?!) reden. Genauso wird es um den weiteren Umgang mit den gelaufenen Repressionen gehen. Als Diskusionsgrundlage könnte das Auswertungspapier von einigen Menschen aus der Berliner Vorbereitungsgruppe dienen, was Ihr am Ende der Mail findet.

Eure Berliner Vorbereitungsgruppe


Auswertungs- und Diskussionspapier zur Autoorganisation 2004 von eingen Menschen aus der Berliner Vorbereitungsgruppe

Wie die Idee entstand: Die Idee für die Autoorganisation entstand zu nächst in einem relativ kleinen Kreis in Berlin im Frühsommer 2003. Angesichts der Bedrohung etlicher Projekte nicht nur hier in Berlin und angesichts laufender Abwehrkämpfe kam der Wunsch auf, in Rahmen einer überregionalen Aktionswoche einmal wieder selbst ein Zeichen zusetzen, und nicht immer nur auf Angriffe zu reagieren. Es entstand die Idee, einen überregionalen Kongress selbstverwalteter Projekte (zunächst primäre Haus- und Wagenprojekte) zu veranstalten, da es in diesem Bereich zZ keine überregionale und strömungsübergreifende Vernetzung gibt und ein inhaltlicher Austausch und eine bessere Zusammenarbeit in der täglichen Praxis überfällig schien. Um diesen breiten Ansatz zu unterstreichen, wurde der Titel Autoorganisation gewählt. Autoorganisation/Selbstorganisation wurde als politisches Konzept gegen Kapitalismus und jegliche Unterdrückung gesehen, als Ablehnung von Hierarchie und Reform- oder Stellvertreterpoltik. Selbstverwaltung soll. Räume öffnen, die sonst in direkter Verflechtung mit gängigen Ausbeutungs- und Verwertungsmechanismen stehen und es so ermöglichen, Widersprüche zu erkennen und politische Alternativökonomien aufzubauen.

Die Vorbereitung:

Nach einigen Diskussionen auf Berliner Treffen wurde beschlossen eine kombinierte Kongress- und Aktionswoche selbstverwalteter Projekte für Ostern 2004 vorzubereiten. Die Zielgruppe sollte weit gefasst werden, und explizit auch selbstorganisierte Politgruppen, Kollektivbetriebe oder Medienprojekte einschließen, auch wenn die meisten Menschen aus der Berliner Vorbereitungsgruppe doch aus einer Häuserszene kamen. Der Kongress- und der Aktionsteil sollten bewusst nacheinander stattfinden. Zum einen, damit während der Kongresstage die Aktionen inhaltlich und praktisch weiter vorbereitet werden können, und zum anderen, damit sich die TeilnehmerInnen sich nicht wieder wie so oft in eher theoretisch oder eher praktisch/aktionistisch orientierte Leute aufteilen. Die bundesweite Vorbereitung begann erst nach der Sommerpause. Die Resonanz auf den an mehr als 500 Adressen verschickten Einladungsbrief war sehr gering. Trotzdem war das erste Treffen vergleichsweise gut besucht (6 Städte). In weiteren fanden insgesamt 4 überregionale Treffen und wöchentliche Treffen der Berliner Vorbereitungsgruppe statt. Anderes als auf dem ersten Treffen geplant, gelang es nicht, in anderen Regionen kontinuierlich arbeitende Vorbereitungsgruppen zu gründen. Generell war festzustellen, dass die wenigsten Gruppen aus anderen Städten bei der überregionalen Vorbereitung (von einzelnen Ausnahmen abgesehen) zu mehr als einem Vorbereitungstreffen erschienen oder bereit waren, Verantwortung und kontinuierliche Arbeit zu übernehmen. So blieb fast die gesamte Vorbereitung an der Berliner Gruppe hängen. Genauso wenig gelang es den meisten Arbeitsgruppen - ein Großteil der Vorbereitung sollte in AGen stattfinden - überregional zu arbeiten. Insgesamt KEIN gutes Beispiel für Selbstorganisation ! Ab Januar wurden Aufrufe und Plakate europaweit verschickt und verteilt und eine Homepage eingerichtet. Die Vorbereitung lief größten Teils über das Internet (Einladung zu den überregionalen Treffen, Kommunikation über Mailinglisten), was zwar auf der einen Seite Zeit und Geld sparte. Auf der anderen Seite muß die Frage gestellt werden, ob sich dadurch nicht Menschen auch strukturell ausgegrenzt wurden und dies mit zum stillschweigenden Rückzug einiger Gruppen aus der Vorbereitung geführt hat.

Inhaltliche Vorbereitung

Eine solche fand viel zu wenig statt. Spätestens ab dem Jahreswechsel war klar, daß es wahrscheinlich nur gelingen könnte, eine Infrastruktur für die Woche zustellen, die Gruppen und Einzelpersonen mit ihren Ideen (Aktionen, Workshops, Diskussionsrunden,..) füllen sollten und das Projekt überregional zu bewerben. Erfreulicher Weisen kamen trotzdem über 50 Workshops zu Stande (zum Teil auf Einladung der Vorbereitungsgruppe, zum Teil von Projekten selbst vorgeschlagen), so dass an den 3 Kongresstagen kaum noch Platz für spontane Veranstaltungen blieb. Leider gelang, an viel zu wenigen Stellen eine Inhalte Verknüpfung der Workshops. Genauso fiel dadurch ein Teil des Vernetzungsgedankens herunter, da hierfür eine bessere auch inhaltlichen Vorbereitung der einzelnen Vernetzungstreffen(Infoladentreffen, Vokütreffen,..) nötig oder zu mindest hilfreich gewesen wären. Trotzdem ist aus dem, relativ spontan für den Montag Abend eingeladenen offenen Projektetreffen ein über die Veranstaltung hinaus weiterarbeitender Zusammenhang entstanden.

Die Aktionstage

Mit dem Beginn der Aktionstage kam einer gewisser Stimmungsknick. Viele Leute reisten an Mi. oder Do. ab, trotz Osterwochenende kamen wenig Leute neu dazu. Leider war es während der Kongresstage nicht ausreichend gelungen, die Aktionen weiter vorzubereiten und vor allem Strukturen für die gemeinsame und selbstorganisierte Durchführung der Aktion zu schaffen. Insbesondere das Fehlen einer funktionierenden Delegierten Struktur erwies sich als großes Problem. Gerade wenn es darum ging, für Transparenz zu sorgen ohne den Erfolg der Aktionen zu gefährden. Genauso wäre eine umfassender Information der TeilnehmerInnen über die konkrete Situation hier in Berlin (Bullentaktik, Berliner Linie, Situation von Projekten,..) wäre zu den Aktionstagen nötig gewesen. So wäre es auch eher möglich gewesen, unsere Ziele bei den Aktionen transparent zu machen. Weil dies nicht gelang, kamen sich TeilnehmerInnen oft als StatistInnen vor und waren zu recht frustriert (siehe Diskussionen auf dem Plenum nach der Platzbesetzungsaktion am Do.) Im Nachhinein erwies es sich aus als Fehler, dass keine Abschlußdemo vorbereitet worden war. Die Vorbereitungsgruppe hatte sich frühzeitig bewusst gegen die Vorbereitung einer solchen Demo entschieden, da sie die Gefahr sah, dass sich aller Aktivismus nachher nur auf dem Demonstration beschränkt. Eine gut vorbereitete und auch mit eigenem Plakat/Aufruf bekannt gemachte Demonstration hätte noch mal einen legalen Rahmen für Intervention geboten und vielleicht Menschen aus der Berliner Linken eingebunden, die dem Kongress so ferngeblieben sind.

Insgesamt war festzustellen, dass der Altersdurchschnitt sehr jung war. Das ist natürlich positiv, weil es zeigt, dass das Thema Selbstverwaltung auch heute noch aktuell ist, und Interesse weckt. Aber wo waren diejenigen, die schon lange in Projekten leben oder Projekte aufgebaut haben? So mangelte es dann doch häufig an der Erfahrungsweitergabe. Die Leerstandsliste wurde leider viel zu wenig genutzt, es steht ja einfach VIEL mehr leer. Und es tauchte ja auch mindestens ein bewohntes Haus auf. Das ist natürlich ein nicht wiedergutzumachender Fehler und lässt erhebliche Zweifel an Sinn und Zweck einer Leerstandsliste aufkommen, da derartige Fehler leider nie 100%ig auszuschließen sind. Auch wurde die Liste weder offensiv in der Szene publik gemacht noch genutzt Sinn macht eine Leerstandsliste dann, und nur dann, wenn so viele Objekte auftauchen, daß die Bullen nicht jedes einzelne bewachen können und die Zahl der Objekte in einem realistischen Verhältnis zum Leerstand in der Stadt steht.

Warum kamen so viele Leute von außerhalb (und zum Teil auch aus völlig anderen Spektren) und verhältnismäßig wenige aus Berlin? Ein Teil der Erklärung könnte ein ohnehin bestehendes Überangebot an inhaltlichen Veranstaltungen sein. Andererseits ist festzustellen, dass es seit Jahren keine gemeinsame Strategie, geschweige denn eine gemeinsame Strategiedebatte gibt, und die meisten Gruppen neben einander her arbeiten, obwohl oft an ähnlichen Themen gearbeitet wird - eigentlich wollte die Autoorga ein Anfang sein, diesen Zustand zu beenden. Weiterhin ist die sog. Häuserszene oft in Berlin recht isoliert und wird meistens auf subkulturelle Themen reduziert bzw. reduziert sich oft selbst darauf. Zwar ist der Häuser-/Mietkampf z.Zt. In Berlin fast immer nur Verteidigungskampf, und damit einher stellen sich viele die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Besetzungen und dem Kampf um den Erhalt von Hausprojekten u.ä., da gerade dieser Kampf einen hohen Energieaufwand benötigt, und nur selten von Erfolgserlebnissen geprägt ist. Bleibt die Frage offen, ob linke Politik nur dann attraktiv ist, wenn sie die entsprechenden Bestätigungsmomente birgt. Die Verbindung von Häuserkampf und Stadtpolitik (die ja von linken Gruppen z.Zt. recht wenig bearbeitet wird), also die Frage nach der Stellung und Wahrnehmung linker, radikaler Politik in der Gesellschaft ist offensichtlich lange Zeit in den Hintergrund getreten. Während der Häuserbewegung vor allem die Prägung eines Stadtteils innewohnte und es darum ging, eigene linke Positionen wahrnehmbar und vor allem im alltäglichen Leben, weil immer sichtbar, zu machen, ist heutzutage eine eher kampagnenhafte Politik in der Linken an der Tagesordnung. Daran schließt sich die Frage an, wieso es wichtig ist, in der Innenstadt zu bleiben und sich nicht z.B. einen Plattenbau zu kaufen? Und wo bleibt die breite inhaltliche Diskussion?

Pressearbeit

Die Pressearbeit war recht erfolgreich, sicher auch wegen "Osterloch" und dem bevorstehendem 1. Mai. Schon im Vorfeld war ein Teil der Medien an der "Autoorga" interessiert, nicht nur die sog. Linken Medien, sondern auch ein Teil der etablierten Medien. Über die Berliner Morgenpost schaffte es ein Artikel auch in die überregionale Zeitung "Die Welt". Während der Aktionstage zeigten die Presseagenturen selbstverständlich interessiert an möglichen Krawallen und vor allem die Boulevardpresse schürte die Stimmung mit Titeln wie z.B. "Chaoten erklärten Berlin den Krieg". Einzig in der Berliner Zeitung und dem "Neuen Deutschland erschienen Artikel, die sich auch mit dem inhaltlichen Ansatz der Autoorga beschäftigten.

Die Veranstaltungsorte

Im nach hinein stellt sich die Frage, ob die Auswahl der Köpi als Veranstaltungsort und das dezentrale Konzept sinnvoll war. Die Köpi hat sicherlich auf etliche ausschließend gewirkt. Dies ließe sich aber für fast jeden Ort sagen, da er irgend eine Spektrum tendenziell ausschließt. Andererseits war es wichtig, auch in "eigenen" selbstverwalteten Räumen zu sein, und nicht auf eine Uni o.ä. Zurückzugreifen. Nachteilig an der Köpi war, das es auf Grund der Fülle der Veranstaltungen, die dort stattfanden keinen Raum gab, in den sich zurückgezogen werden konnte und der Platz für informelle Gespräche bot. Angesichts der zahlreichen Veranstaltungen lässt sich auch das dezentrale Konzept in Frage stellen, da Anfahrtswege von mehr als einer halben Stunde zwischen zwei Veranstaltungsorten machten es oft unmöglich, alle für einen interessanten Veranstaltungen zu besuchen.

Ansprechgruppe

Bewährt hat sich die Ansprechgruppe für Betroffene von sexuellen Übergriffen. An sich war die Idee nicht neu, sonder gab es auch schon auf den Grenzcamps in Köln, Strassburg,... Leider gab es mehrfach (aber auch nicht völlig unerwartete) Arbeit für die Gruppe. Es ist wünschenswert, daß es solche Ansprechgruppen auch auf anderen Großveranstaltungen gibt.

Kontinuität

Auf dem mit knapp 100 TeilnehmerInnen doch eher schwach besuchten Abschlussplenum am Sonntag war die Stimmung seitens einer Fortsetzung des Projekts doch eher positiv. Erste Ideen waren z.B. Nachfolgeveranstaltungen in Osnabrück, oder nächstes Jahr in Wien oder Zürich. Als nächstes Treffen ist eine Auswertung und Nach(Vor-?)-bereitung auf dem diesjährigen BUKO in Kassel angesetzt.